Full text: Ludwig Hilberseimer: Grosstadtbauten (18/19)

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Industrie zugrunde liegt, zu entziehen versucht. Sie beruht 
noch auf individuellen, handwerklichen Grundlagen, während 
die gesamte Gegenwart auf kollektiv-industrielle Voraussetzun 
gen gegründet ist. Ignoranz von Notwendigkeiten hat bisher 
immer nur zur Erstarrung geführt. Und was ist mehr erstarrt 
als die Architektur der Gegenwart? Schöpferkraft offenbart 
sich aber gerade darin, Gegebenheiten restlos zu verarbeiten, 
eine ihnen adäquate Form zu finden, 
Architektur ist wesentlich abhängig von der Lösung zweier Fak 
toren: der Einzelzelle des Raumes und des gesamten Stadtorga 
nismus. Der Raum als ein Bestandteil des in Straßenblocks zu 
sammengefaßten Hauses wird dieses in seiner Erscheinungsform 
bestimmen und wird so zum Gestaltungsfaktor der Stadtanlage, 
dem eigentlichen Ziele der Architektur. Umgekehrt wird die Ge 
staltung des Stadtplanes wesentlichen Einfluß auf die Bildung 
des Raumes und der Häuser gewinnen. 
Der Raum, seine Gestaltung aus den ihn erzeugenden Elementen, 
ergibt einen großen Komplex schöpferischer Möglichkeiten. Durch 
ein neues Raumgefühl entstehen neue Beziehungen räumlicher 
Gegebenheiten. Durch die Organisation der Einzelräume ver 
mittels des Grundrisses entsteht das zweckmäßig einen ganzen 
Straßenblock umfassende Haus. Dabei ergeben sich weitgehende 
Beziehungen formaler Art, wird eine umfassende Formsynthese 
ermöglicht. Nächst der kubischen Masse, die durch die form 
bildende Kraft des Grundrisses, die Stockwerksanzahl und den 
Silhouettenbildenden oberen Abschluß entsteht, ist die Teilung 
und Durchbrechung der Gebäudeflächen durch Oeffnungen von 
wesentlicher Bedeutung. Das architektonische Problem besteht 
hier darin, Vorsprünge, Rücksprünge und Vertiefungen organisch 
aus dem Baukörper zu entwickeln. Der Vorsprung wird zur po 
sitiven Funktion der zusammengefaßten Fläche, der Rücksprung 
und die Vertiefung mit ihren Dunkelheiten zur negativen. Beide 
Raumfunktionen bestimmen als stärkste Gliederungsfaktoren 
entscheidend den Rhythmus des Baukörpers. Selbst große Oeff 
nungen, vertieft liegende Raumteile sind als raumbildende Ele 
mente organisch dem Baukörper einzufügen. Sie müssen aus 
einem Fermzerstörenden zu einem Formbildenden werden. Die
	        

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