Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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Schon allein die Tatsache ... 
I. 
Martha ging zwei Wochen mit Erwin. Sie war Modell, 
er Schriftsteller. Sie war irgendwoher, wußte nur von ihrer 
Mutter, die im „Weißen Rößl'“ Kellnerin war. Er war 
Sohn von Hausbesitzern, beendigte seine Schulen und 
schrieb nun. 
Einmal gingen sie in die Weinstube. Dort betrank sich 
Martha, wurde ausgelassen, machte Schweinereien mit 
Gästen, kotzte. — Daraufhin ging Erwin mit ihr in den 
Park. Dort wurde sie nüchtern. Da frug er sie: „Warum 
bist du eigentlich so dreckig, so gar nicht taktvoll!“ 
Sie schmollte. Dann sagte sie: „Als junges Mädchen 
war ich sehr schüchtern, o, ich weiß noch — —“ und er 
zählte von ihrem ersten Schatz, dem Karl, der Metzger war 
und der sie einmal beim Wurstmachen fragte, ob sie denn 
immer Jungfrau bleiben wolle — und der dabei recht blöd 
lachte — und daß sie dabei rot wurde. — — — 
Dann wandte sie den Kopf zu Erwin, rief: „Aber jetzt, — 
jetzt —!?“ 
Erwin sah unmutig ins klare Blau, aber er fühlte Schuld 
in sich. — — — 
Dann küßten sie sich. 
Den langen Justus mochte man nirgends. Immer wenn 
er eine Gesellschaft verließ, atmeten die Zurückgebliebenen 
auf. 
II. 
Justus war häßlich, frech und spöttisch. Sein Gesicht war 
nie rasiert, seine Kleidung unordentlich, verschlampt. 
Der Herr Kunstmaler Zeisig war sein Landsmann. Wenn 
sich die beiden auf der Straße trafen, duzten sie sich und 
schieden, nachdem Zeisig Justus eingeladen hatte, einmal, 
zu kommen. Und einmal kam Justus. ,Eir bat um Geld. Zeisig 
gab ihm. Da kam Justus abermals. Er wurde liebenswürdig 
empfangen. Zeisig hatte Besuch. „Geh in die Küche“, 
sagte er zu Justus, frug: „Brauchst Du Geld?“ Dabei 
sah er Justus von der Seite an und verzog ein ganz klein 
wenig die Mundwinkel. Da drehte sich Justus um, sah 
ihm in die Augen und sagte: „Nein mir graut, siehst du!“ 
Dann ging er. Seitdem kam Justus nie mehr zu Zeisig. —
	        

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