Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

Bücherbesprechungen. 
Paul Scheerbart. Glasarchitektur. Verlag Der 
Sturm, perlin. — Paul Scheerbart ist mit gutem Recht schon 
lange unzufrieden mit unserem Stern. Aber er begnügt sich 
nicht, die bedeutend besseren Verhältnisse anderer Sterne 
uns verlockend zu schildern, er macht auch Vorschläge zur 
erfreulicheren Gestaltung dieses. Die vielen, die zum Unter 
schied von ihm im Gestern statt im Morgen leben, halten 
ihn darum für einen Phantasten, den man nicht ernst nehmen 
braucht. Aber dieser Dichter ist (bei Gott!) ernsthafter 
und wirklicher als Börsenspekulationen und Sturzflüge. Seine 
Schuld ist es nicht, daß wir, statt heute schon in Glashäusern 
zu wohnen, in steinernen Höhlen auf Licht und Buntheit 
warten. Ich kann nicht mehr tun, als seinem neuen Buche 
„Glasarchitektur“ wie auch all den früheren möglichst viele 
einsichtige Leser zu wünschen, auf daß sich die Zustände 
bald bessern. — 
Peter Baum. Kammermusik. Hyperionverlag. 
Berlin. Eine Folge ganz belangloser Geschehnisse ist der 
Faden, an dem Peter Baum Gespräche und Szenen aufreiht. 
So bekommt sein Buch jenes schwerelose Schwingende, das 
leicht wie eine Arabeske im Raume schwebt. Der feinen 
und klugen Kultur des Rokoko ist dieser abgewandte 
Träumer innerst verwandt. Die Freude am Genießen (nicht 
aus Snobismus, sondern aus Verständnis und Verehrung) 
am gutgeführten Gespräch, an der geistvoll erfundenen Anek 
dote ließ Peter Baum in unserer Zeit, wo man Rokoko 
und Liebesgetändel grundlos zu identifizieren pflegt, diesen 
Roman schreiben, der ganz gesättigt ist, von künstlerischer 
Kultur, in sich ruhender Kraft und Zartheit. R. B. 
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Henri Bergson, Das Lachen. Eugen Diederichs 
Jena. Bergson ist nur selten von gallisch-spitzer Findigkeit. 
Seine Gewissenhaftigkeit ist fast „deutsch“ und seine Unter 
suchungen über die komischen Formen, die Situations-, Wort- 
und Charakterkomik sind so tief, umfassend und so neu teil 
weise, daß man eigentlich Grundsatz um Grundsatz aus 
diesem glänzenden Buch abdrucken sollte. Bergson findet 
stets die geheimste Feder, das Innerlichste, und das leich 
teste zugleich: Das Ei des Columbus. Er findet unmittelbar 
wichtige Zusammenhänge zwischen dem Lachen und dessen 
Bedeutung für das soziale Leben. Das Lachen, meint Henri 
Bergson, ist wie Schaum auf immer wieder entstehenden 
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