Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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CHAGALL 
Ein kosmis Aes Kind lebt unter uns. Marc Chagall. Der Mär Aenprinz mit absoluter Farbe. 
Die Farbe ist sein HimmelreiA, seine Erde. NoA niemand hat so siAer und gütig in 
seinem ReiAe der Farbe geherrsAt. Wo sie aufblutet, ist alles zum besten bestellt/ denn 
im Grunde ist jede starke Empfindung, sAon wegen ihrer EAAeit, gut. Selten, aber gut. 
Chagalls Farbe ist Urfarbe: die Güte im Kosmos. Er, ein Russe, erklärt siA die Weltseele 
ganz märAenhaft. Aus dem Gefühl hervor. Er will den Dingen auf den Grund sehn. Sie 
sind aber Dinge, keine Rätsel. EigentliA hatte er sie in der Hand: sogar im Kopf. Und 
zwar beim WaAsein. Er träumt niAt, Chagall, sondern erzählt uns seine MärAen. 
Chagall hat die Kindheit in Vaters Kramladen zugebraAt. Die Wage hüpft und saust in 
seiner Einbildung noA immer auf und ab. Er wiegt seine Farben gar behutsam/ würzt mit 
Gelb, pfeffert mit Rot. Mit Lila züngelt er das GleiAgewiAt aus. Und mit was für 
Lilas! Die gibts nur bei seines Vaters Sohn. Seine WagsAalen können hüpfen, das muß 
man ihm lassen. Auf einem Bilde halten si A Samowar und grüner Mann das Gegengewi At. 
Der Samowar ist sAwarz und weiß, er steht weit vorn und ist sAwerer als der Grünuni 
formierte, obsAon er Tropfen aus dem Spund verliert. Der Gensdarm siehts und ärgert 
siA. Das GleiAgewiAt stellt er aber niAt her, der grüne Gensdarm: im Gegenteil, seine 
Tellermütze fliegt ihm, wie eine emporges Anelite WagsAale, blau vom Kopf weg, auf und 
davon. Wo sie Chagalls Auge soeben erhasAt, stellt er das künstlerisAe GleiAgewiAt 
her. Ein sAnurriger Einfall im Hirn des Bemützten mag das Hexenstücklein vollbraAt 
haben. Auf dem TisA tanzen Männlein und Weiblein, klein wie Spielzeug, umher. Sie 
hätten auf einer Wage Platz, so winzig sind sie. Dann wäre ja eine Art MärAensAaukel 
auA dabei! Wehr wohl mehr wiegt, der Tanzmann oder die Tanzmaid? Die Musik maAt 
der Samowar: denn es siedet drin rum. Wie gewiAtig noA immer die Tropfen herunter- 
sickern. Aus dem Brummsamowar. Also ein Brummsamowar gegen einen BrummsAädel: 
im gleiAen Bilde. Eine Wage! FolgliA noAmals die Frage: wer wiegt wohl mehr? 
Immer noA das gleiAe Bild: im Hintergrund ein Fenster mit ReAteA-Einteilung. DurA 
das Fenster, oder besser im Fenster zu sehn: der Mond mit seinen blauen Bedeutungen 
und silbernen Beweisen. Ein Baum ganz aus Sternen. Blumen sind zu LiebliAkeiten ge» 
wordne Sterne. Dann kommt (noA immer im Fenster): eine BeleuAtung der NaAt mit 
Kometen und Raketen. Als ÜberrasAungsstüA: sAweifende Wunder. Ferner: ein Haus, 
eigentliA das Haus. Mit einem Auge. Alles das im Fenster zu sehn, in SAubfäAem, wie 
in Vaters Kramladen, eingeteilt. Das ganze Fenster somit ein SArank mit SAiebekästAen. 
Einmal malt Chagall Ae Bude aus der Vaterzeit. Wiederum ein MärAenladen. Alles 
sehr genau ausgewogen. Wundervoll durAsiebt. Wer kann über die Farben beriAtenl 
Alle Samtigkeiten der Welt verbinden siA bunt und gaukeln hervor. Wenn wir noA vom 
blauen Gensdarm und dem Samowar spreAen, so bewundern wir das NaAtsAwarz mit 
seinen SAneemögliAkeiten im Kessel. WelAe Mondinnigkeiten auf dem sAwarzen Kes 
sel! Und Ae blaue Wahrheit im ganzen Bild! Ja, sie ist da, überall hin verteilt, wie es mit 
der Wahrheit sein soll. Und auA kann. Sie ist vorhanden! 
Oft gibts bei Chagall eine reine Struwelpeter-Romantik. Ein blauer Jüngling brüstet 
siA mit einem Knopf an seinem RoA: er hält ihn für einen Orden. Das tut er mit der
	        
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