Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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Dieses Weib habe ich in einem frühem Leben bereits gesehn. In Umbrien, bei Perugia, 
oder im Mugello/ Giotto hat ihr den Schritt über Gras abgelauscht. Dann gingen alle seine 
Bauern so einfach und leicht aus Selbstverständlichkeit. Hundert Jahre später war sie die 
Magd der Judith bei Sandro Botticelli. Unwissend wie heute als russische Bäuerin. Ent 
weder sind beide die Gleiche, oder verwandt. Man muß nur ein wenig tief atmend nach- 
denken, dann erinnert man sich. Also Verwandtheiten über Weltteile hinaus, durch Jahr 
hunderte hindurch! Marc Chagall: welch ein herrlicher Regenbogen durch die Nacht ge 
spannt! 
Als Mann im Mond können wir Chagall sehn. Er schwebt mit Gießkanne und Stern 
augen auf dem Kleid, als solcher, über die Kuppeln orthodoxer Kirchen dahin. Eine ge 
träumte Eselin steht da als Wahrzeichen künftig sanfter Zeiten / denn Zwillinge, der erste 
Halbmensch und das beste Vieh hängen an der Eselin Eutern. Rußland wird keine Wölfin 
haben, die das Stadtgründer-Zwillingspaar säugt. Chagall ist voll von wundervollem 
sarmatischen Bauerntum. 
Chagall kommt aus Paris. Das Pyramidale der Großhauptstadt sieht er durch das Fen 
ster. Der Eiffelturm ist bloß ein Eisenobelysk neben den astralen Riesenkristalltetraedern 
an den Seineufem. Nur Chagall kann sie sehn: er ist ein Sonntagskind. Die Werktäglinge 
müssen sich mit dem Eiffelturm begnügen. Chagall ist ein Januskopf: er sieht zugleich 
Paris und blickt davon weg. Folglich ein Hirn mit zwei Gesichtern. Er bricht sich durch, 
ins Gegenwärtige, und hängt ab vom Obergegenwärtigen. Sein Tier schleicht oft auf dem 
Fensterbrett umher. Halb Schleichkatze, halb Menschenantlitz. Nachts verkriecht sie sich 
zumeist in Chagalls Schädelstube und fängt an behaglichst darin zu schnurren. Dann 
schnarcht Chagall für die Anwesenden. Seine silberblaue Bauernmaus schlüpft dabei aus 
dem Kopf und knistert im Winkelgerümpel herum. Seine Gemütswürmchen schwirren 
glühend aus. Seine Sorgenspinne kennt das Hirngespinst des Tages und klebt nachts darin, 
entweder im Fensterrahmen oder imGegitter des Eiffelturms. Bis der Mond zu hoch kommt. 
Chagall hat das siamesische Zwillingspaar gemalt. Er versteht sich auf Dopplungen. 
Goldne Stanniolsonnen gehn über vierfachen Purpurhorizonten auf. Bäume aus Mond 
schein blühen lila Geheimnisse in die Nacht. Sie werden blaue Ruhefrucht tragen. Chagall 
hat seine ganz eigne Nacht. 
Theodor Däubler
	        
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