Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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MITTEILUNGEN 
Johannes R. Becher: „An Europa„Verbrüderung“, Gedichte. (Kurt Wolff Verlag). 
Motto: aus Hans Blüher: »Die Intellektuellen und die Geistigen«. Der Gegentypus ver 
wendet die Idee anders. Und zwar politisdi. Er tritt aus dem Erlebnis des ideelich-Reinen 
brüsk heraus und wird Prophet. Er kündet der Welt an, daß sie weder gut noch böse sei, 
sondern verbesserungswürdig. Er kündet ihr an: ni<ht Handwerker, Gelehrte, Unter 
haltungskünstler und sonstige Intellektuelle haben in der Welt zu herrsdien — von den 
Kapitalisten ganz zu schweigen — sondern die Geistigen. Das heißt Die, denen das ur 
sprüngliche Erlebnis der Idee noch jeden Tag lebendig ist. Er setzt dem bisherigen Typ 
des Politikers seinen eigenen entgegen: seine Politik geht nicht auf mäßige Veränderung 
des gerade vorhandenen Staates, sondern auf grundsätzliche Neuschöpfung aus der Idee 
des besten Staates aus. Gegenüber dem bürgerlichenLiberalismus setzt er platonischen Radi 
kalismus. 
»An Europa« und »Verbrüderung« sind Parallelen zu Bechers früheren Bänden »Verfall 
und Triumph« <Hyperion-Verlag>. In jenen beiden Bänden handelt es sich um das Indivi 
duum Becher. Der Verfall der Seele und des Leibes wird darin gebeichtet, bis das eigene 
Wort zur kasteienden Geißel wird, bis im Zustande letzter Erniedrigung aufflaggt der 
Triumph: Die Bejahung aller Erscheinung in der Gewißheit ihrer Gottverwandtschaft. 
Becher verweilte nicht länger beim Idi-Problem. An dessen Stelle trat das Problem der 
Gattung Mensch. Sogleich wieder ergibt sich: Verfall des gegenwärtigen Europas, 
Triumph der kommenden Verbrüderung. Kraft der basaltklaren Vorstellung des 
utopischen, des liebenden Menschen, <in »Triumph und Verfall« unter höllischem Blutver 
lust gerissen aus den Schlacken lässigen Fleisches) unternimmt es Becher, aus den Morästen 
der Gegenwart ein verklärtes Europa: Utopien zu kristallisieren. Ihm gelingt — wem vor 
ihm? — die Verschweißung nacktester Wirklichkeit mit der Fata morgana seiner Sehnsüchte. 
Seine eigene, angefochtene, nie harmonische Leiblichkeit projeziert er in die umgestaltete, 
taumelnde Gemeinschaft der Völker Europas: Tempels, darin Verrat, Grauen und Fäulnis 
kulminieren! Und wer Verfall und Triumph« mit dem Pathos der Jugend, der Inbrunst des 
Mönches, dem Fanatismus des Märtyrers die Erlösung des Ichs gesungen, verkündet 
heute: Verbrüderung. Bejahend alles: Sonne, Ehrgeiz, Arbeit, Tuberkulose. Er verdammt 
keine, propagiert jede Existenz. Nur die Beziehungen sind ihm des Hasses und der Liebe wert. 
Denn Becher ist kein Poet, gebärend ewige Sprach-Kreaturen aus irdischer Liebe, kein 
Prediger, werbend für die Erkenntnisse problematischen Geistes. Er ist Verkünder. Probleme 
sind für ihn nicht da, um gelöst, sondern nur um bejaht oder verneint zu werden. Seine Intui 
tion gibt ihm Hoffnung, nicht Erkenntnis. Seine Pietät gilt nicht sich, nicht den Dingen, dem 
Nichts, dem Leid, dem Weibe, der Wahrheit. Sie gilt der Dynamik, dem Geschehen, der 
Befruchtung, der Wandlung. Nicht überreden — reizen, erschüttern, foltern will er die Men 
schen, so wie sie und alle Erscheinungen ihn. 
Phänomen der Empfänglichkeit, reagieren seine Sinne vorurteilslos, unparteiisch, kennen 
daher die Begriffe schön und häßlich nicht. Bedrängung bedeutet ihm die Welt. Dennoch: 
ausgesprochen männlich von Temperament, wird er nicht passiv, elegisch, betrachtend, 
distanziert: Impressionist. Es ist aggressiv. Seine Produktion entspringt der Hefe des
	        
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