Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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DIE ALTE GESCHICHTE. 
Es war einmal ein junger Dichter namens Eduard, der lebte in einem Palaste. Und 
in ihm war nichts als Sehnsucht. Seine Diener aber brachten ihm Schinkensemmeln 
mit Kaffee. Sehr traurig war der junge Dichter, und seine Sehnsucht ging von 
einem Zimmer in das andere. Herrliche Bilder konnte er sich vorgaukeln, und das 
junge Mädchen, das er liebte und haßte: Kunigunde! 
Doch wenn sein junger Leib, der sich sehnte, einen Schritt vorwärts tat, die ge* 
schaute Gestalt zu umarmen, schwand alles, und seine Lippen, die nach einem 
Kusse lechzten und glühten, sie sanken kümmerlich zusammen, und sein Kopf 
fiel schulterwärts . . . und er war wieder allein mit seinen Zimmern, Dienern und 
Schinkensemmeln. Da haderte der junge Dichter mit Gott und seinem Palaste 
und weinte über sie die Tage und Nächte, daß sie ihm nicht geben wollten, wo* 
nach er flammte . . . und hätte am liebsten die Wände geküßt und die Bäume 
seines Gartens umarmt: so sehnte er sich. Und er vergoß sieben Tränenströme. 
Und er wollte nichts essen und zerfleischte sich das Gesicht und die lieben Hände 
und raufte sein Haar und zerriß seine Gedichte und lag wie ein Toter da auf 
seinen Teppichen. 
Sandte der liebe Gott zu ihm in den Traum eine ausgezeichnete Fee, und die 
sprach: Was gibst du deinem Körper Wunden und üble Farben? Sieh, sei wieder 
brav und ruhig, und Gott wird dein Haar streicheln, und dein Haupt soll liegen 
in dem Schoße deines jungen Mädchens. Da sprach der junge Dichter: Ich will ja 
gern an den lieben Gott und meinen Palast glauben, aber warum ward ich so 
schwer geschlagen? Es ist ja wahr, ich habe vor sieben Jahren, zehn Monaten und 
drei Tagen beinahe eine Ameise zertreten! 
Küßte die ausgezeichnete Fee dem jungen Dichter langen Schlaf an und tat von 
seinem Leibe die Wunden und üblen Farben, nahm von seinen Händen die Be* 
trübtheit. . . und als er erwachte, da taten sich alle seine Zimmer auf und strahlten, 
und sein Haupt lag gebettet in den Schoß des jungen Mädchens, und sie streichelte 
seine Haare und küßte ihn und klebte seine Gedichte wieder zusammen. 
Glaubt ihr das? Ich nämlich glaube es auch nicht! Sondern, als von dem jungen 
Dichter der Schlaf trat, da stand zu seinen Häupten ein Freund und wies ihm 
eine Kritik, in der Eduard niederträchtigerweise gelobt wurde, ein Briefträger 
feierte seinen Einzug mit einer Drucksorte, laut der sich Kunigunde mit Archan* 
gelus Lardschneider, jenem niederträchtigen Kritiker, verheiratet hatte, und eine 
jähe Drahtung zwang ihn, die Premiere seines letzten Stückes abzusitzen, des 
Schiffahrtsaktiendramas »Eduard und Kunigunde«, das ihm vom Lesen her übel 
bekannt war. Und zu Füßen seines Bettes stand ein Diener, in der Hand haltend 
eine Tasse Kaffee mit Senf. 
Albert Ehrenstein
	        

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