Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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Che questa e si, a udir, cosa nova. 
Dante, Purg. XIII, 145 
Wer sah die Heiligen im schlichten Ernst vereisen? 
Sie senkten bloß die Wimper in die Litaneien. 
Zu Marmor wurden ihre leidgebornen Weisen: 
Verschweigt die edle Haltung ihr entsetztes Schreien? 
Die Heiligen stehn da, ihr Himmelsein zu fühlen, 
Und senden ihren Saum den betenden Betastern. 
Der Hauch der Ewigkeit beginnt ihr Haupt zu kühlen, 
Doch blüht ihr Walten noch im Ebenbild der Astern. 
Noch ist kein Heiliger zu kaltem Stein geworden, 
Doch leise treten die Geweihten in ihr Schweigen. 
Das Lispeln überweist der Mund den letzten Orden: 
Kartäuser machen sich ein Stummwerden zu eigen. 
Zypressen dürfen sie beim Heimgange begleiten. 
Das arme Gras entsagt sich selbst unter Sandalen. 
In Marmor strahlen noch die alten Heiligkeiten. 
Was tritt zurück? Es enden alte Menschenqualen. 
* 
Die schlichten Heiligen sind weiße Marmorträume/ 
Sie stehen urverzückt auf ihren weiten Brücken. 
Die letzten Weltgebete übermurmeln Schäume 
Und stets gebückt umschleicht sie Bettelvolk auf Krücken. 
Dann später überzündeln sie die warmen Schwalben 
Und Kähne bringen laute Kinder, stumme Frauen. 
Schon kommt der Abend mit den Schminken und den Salben: 
Als jüngstes Gleichnis ist dann alles zu erschauen. 
Das Gluten scheint den Augen und dem Munde näher. 
Die Menschen werden stumm und alt wie Flammen. 
Was sagen auf den Brücken die verkrümmten Seher? 
Wir wissen, daß die Seelen einem Sang entstammen. 
Die armen Heiligen sind weiße Marmorträume. 
Die ersten Lichter überflimmern ihre Brücken. 
Die besten Weltgebete übermurmeln Schäume. 
Im Geist gestützt erscheint das Bettelvolk auf Krücken. 
*
	        

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