Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

199 
GEORGES SEURAT 
Ein sehr großer Mann ist geworden: Georges Seurat. Zuerst gipfelte er seine V isio- 
nen in romantischem Schwarzweiß zusammen. Er setzte dabei ungewohnte Ton 
werte fest. Dann kam er auf den Divisionismus, den er eigentlich schuf, begründete. 
Er war sogar Pointillist, der einzig mögliche. Seine Tat ist auf Heftig silberndes, 
auf Totgold, auf sachtes Platin gestimmt. Seurat ist der allermetallischste Maler. 
Er schuf manches ganz ungeheure Bild. Im Hintergrund, überm Fluß, große 
Trommeln: die Gasometer von Paris. Schlote geometrisieren unsre Anspannungen 
vor der Landschaft. Die Menschen, wie in eine Priesterlichkeit gedrängt, in ein 
Indertum geengt, stumm, grundsätzlich, gleichmäßig, im Zylinderstil gefestigt, sehr 
selbstverständlich verteilt. Also der Vorkubismus war rund. Trommel und Zy 
linder wollten herrschen. Die Schatten auf der »grande jatte« leben mit. Man 
denke sich, wenn Blei flüchtig werden könnte, so säh es beim Zusammenwolken 
etwa so aus. Schatten und Grimassen steigen uns nach. Aber auch Affen gibt es 
auf dem Rasen. Man denke: in den Straßen von Paris! Sie sind wie Arabesken 
mit Handlung da, denn sie sind Hände mit Bewußtheit. Was ein in Stil einge 
schraubter Mensch abwirft, springt im Tier umher. Aber das Licht ist ganz wahr* 
haftig. Es ist da und steht fest, nicht gefroren, das wäre falsch: angehalten? kann 
sein! Jedenfalls ist das seine Darstellung. Halt, die Luft ist auch dabei! der Atem 
hat das Licht angehalten. 
»Lechahut«: elektrisches Licht, messinghaftes Glänzen. Aus geometrischen Glas 
stürzen glimmt es ins Bild. Aus Glastulpen dunstet es milchig violett heraus, 
immer das Licht. Die Menschen hopsen oben auf dem Podium, zu dritt, zu viert, 
wie für den Abend fertiggegossen. Rüllen im Tüll, der sich bei den Beinschwin^ 
gerinnen metallisiert ausnimmt. Teufelshörner, Teufelsschwänze zucken, züngeln 
aus dem Lärmgebrodel, sind aber Schärpen oder Schleifen. Die Hände sind ge 
sternt. Sind Hände Sternenwerk? Auch Matthias Grünewald vermutet so. Die 
Spieler im Orchester sind unter der Metallglocke der täglichen Blechinstrumente wie 
eingekapselt, zusammengekoppelt, mechanisiert. Zwar spielen sie Cello,Geigen und 
Flöte, aber das Blech ist im Licht, in der Luft. Aber die Hände, die leben noch, 
zucken, bleiben nervisch. Sie sind schön. Im Zirkus, Sprünge in Zink, Sätze in Zinn, 
ausgeführt von Menschen. Alles bei elektrischem Licht. Hervorrollender Expression 
nismus, hinaustaumelnde Futuristenspirale bei selbstgesprenkeltem, lebhaft ge^ 
pudertem elektrischem Licht. Jedes Metall bekommt seine Davonflugform. Das 
Schattenhaftestewirddabei skulptural erhaschbar:Boccioni kann seine Wirbelgebilde 
in Stahl hämmern lassen, seine Fliegerergipflungen mit Aluminium decken lassen. 
Das hat Seurat getan.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.