Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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gestern noch in Tausenden von sonnenroten oder augenblauen Trauben, in Abertausenden, 
nun gärte sie in braunen Fässern, und da begeisterte des Jahres Feuerüberschwang die Wäl* 
der und der Bäche Pappelpfade,daß sie in ihrer Flammennacktheit erstrahlten! Die roten 
Rätsel und das Sterben hagrer Pflanzen standen da und schauten eines heidnischen Jahres 
Flammenbestattung! Des Waldes alter Sang begann von seinem Anfang viel zu sagen. 
Die Blätter raschelten, bevor sie starben. In klarer Starrheit sahen uns die Waldesväter: 
Fast wie Patriarchen! Sie ahnten, daß es bald gar kalt und eisig werden müsse. Da sah 
ich strahlend ein: Aus meiner Heimat stammt bereits der Nordschein: Der Herbst erklärt 
den roten Wahn der Wesen. Wir werden wandern, — stets herbstlicher: Uns selber immer 
ähnlicher, beginnen wir verweltlicht zu verderben. Wir werben um den Herbst. Das Sterben 
stirbt. Es dämmern und verschwenden sich die Seelen. Dann ballt das Eis sich über uns 
zusammen: — wer weiß, wer weiß?— Wir fallen und verfallen: Der alte Wahn, der uns 
erfaßt, wird wallen — wallen! 
* 
Dantes Stadt Dis ist Furchterfunkeln. Der Abgrund erfaßt ihn phantastisch, da deucht 
ihm die Finsternis, Dis. Der Dichter bezwingt sich: Da prallt alle Wand sie zurück in 
sich selber. Drum hörst du nicht die Höllen dröhnen: Im Trichter aber erhaschen sich brül» 
lende Übel: Da weiß das Ganze, was leibhaftig zerspalten, gewissenlos handelte. 
Dante, die Lichter der Finsternis gaben dir Macht für ein Flammengedachtes, wo Sterne 
und Mond, selbst die Sonne, dir, dem Dichter, gehorsam erstrahlen. Dante verrate: Was 
soll dieser Mond? Der Mond der Verstorbenen wurde geboren: Des Todes Gebot ist 
vollendet! 
Warum hat ihn niemand erkannt? Er schlummert in uns: Wir suchen ihn wandernd: 
Wir wandeln uns selbst. Die Nacht der Erbarmung ist da: Sie strahlt und erwartet uns 
alle! 
Der Nordschein verneint die Vernichtung: Da hat Nein auf Nein,-selbst unendlich ver» 
neint, seinen Schein. Ich weiß, ich weiß, der Weltschein: Ich erbliche mein Geschieh, aus 
meinem Wesen entweih es sich, um diesen Willen verwebt es sich. Den Totenmond fordre 
ich, das Nordlicht gebiert ihn. Der Erde entweicht ihr Leib, die Finsternis verbleicht. 
Der Sonne Vorboten versprachen den Sohn des schuldlosen Weibes. So hat die Erde, 
ohne Sonnenempfängnis, das totendurchlodernde Wort geboren. 
Es sagte Asien: Eine Jungfrau hat empfangen. Es strahlt die Nacht: Begeisterung hat 
uns erlöst. 
Des Wortes Hoheit verkündet sich in Sonnen. Die Sterne glühn, daß die dunkeln Krumen 
glühn. Der Mann ist der Stammhalter der Daseinsentflammung, das Weib ist das Leid 
und das heile Verweilen. Der Held ist der Fels, das Weib ist das Wasser. Der Herr ist 
die Tat, und das Weib ist die Reinheit. Der Wanderer ist der Wunsch, das Weib die Ge» 
burt. Gott war und das Weib bleibt. Der Geist wird und das Weib ist. Der Sohn stirbt, 
und das Weib sei erlöst! 
* 
Das Weib ist die Nacht, und wir strahlen, entstrahlen.
	        
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