Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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EIGNE GÖTTLICHKEIT 
Gott ist kein himmlischer Automat, sondern die eigenste, innerste, geflissentlichste Freiwilligkeit, 
eine Selbstanstrengung, damit das Innere nicht von seiner eignen Äußerung — und es ist nichts 
als das sich Äußernde —, welche notwendigerweise differenziert ausfällt, beeinträchtigt werde, 
sondern sich rein davon äußere. Daher die Möglichkeit der Pathologie Gottes selber, wenn man 
aus diesem keinen Automaten, sondern Freiheit macht. Wer dürfte sich gehen lassen als allein 
die kultivierteste Selbstsicherheit? Und was könnte sich so pathologisch gehen lassen als gerade 
die allmächtige Freiheit? Es ist harmlos, Gott zu sein, aber nicht kindlich, sondern göttlich harmlos. 
Allmacht ist keine Fatalität, sondern die Leistung aller Leistungen: Freier Wille, Selbst, Indivi- 
duum. Freiheit, eigne Göttlichkeit hat sich daher der grenzenlosen Angst vor sich selber siegreich 
zu erwehren, wenn die Welt, die Objektivation des Subjekts, keine Fratze werden soll. Der 
innerste Wille, der das Schicksal erschafft, fürchtet sich nur allzu leicht und allzu menschlich vor 
dem Schicksal. Auch die Angst vor sich selber soll der Schöpfer objektivieren lernen, damit ein 
furchtloses Subjekt sich in der Welt widerspiegle,• die Welt ist nur der Spiegel des Subjekts. All 
macht ist nicht etwa ohne Ohnmacht, sondern sie ist nichts als die Bezwingerin der Ohnmacht. So 
ist Unabhängigkeit, Schicksallosigkeit nur die siegreiche Bezwingung des Schicksals: der Schöpfer, 
der sein Geschöpf, seine eigne Äußerung, nicht, selber frei von ihr, beherrscht, wird von ihr be 
herrscht, obgleich er tiefinnerlichst seine Überlegenheit innewird. Bis zu welchem Grade der Schöpfer 
sich selber Geschöpf scheinen kann, das geht ins Unheimliche, ins Allzumenschliche,- das ist der 
menschliche Tatbestand. Allmacht, die Rancune ihres Geschöpfs erleidend, von sich selber bis 
zur Unmerklichkeit eingeschüchtert, vermenschlicht, ihrer Göttlichkeit selbstvergessen, braucht 
Erinnerung, Gedächtnis, Philosophie, um ihre hilflose Überlegenheit tatkräftig wirksam zu machen 
und den Menschen aus sich, aus dem innersten Selbstbewußtsein, zu evakuieren. Und erst der 
exakt objektivierte Mensch wäre das gelungenste Geschöpf des Schöpfers. — Cave creaturam! 
Wer den Menschen losgeworden ist, ihn objektiviert hat, in seine innerste Individualität zurück 
gefunden hat, der weiß, daß dieses nihil commune positiver als die ganze Welt ist: daß diese sich 
erst dann regieren läßt. Wer aber sein eigenes Inneres noch nicht neutralisiert hat, ist noch gar 
kein Wer. Unaufhörlich aber empfindet er den kategorischen Imperativ, ein solches Wer aus sich 
zu machen. Sein eigenes Subjekt, durch dicke Wände des Allzumenschlichen von sich selber ge 
trennt, ruft mit erstickter Stimme nach Selbsterhörung. Hat man sich nun endlich selber gefunden, 
so steht man am Beginn eines Kampfes, der für das Subjekt siegreich enden muß, wenn es sich 
selber treu bleibt: eines Kampfes zwischen der echten, der aus der Willkür des Individuums auto 
matisch hervorgehenden Objektivation, und der schiefen, aus dem noch nicht kompakten Subjekte 
allzu menschlich erfolgenden. Die Verdrängung der falschen Welt durch die echte, gleich der Ver 
drängung eines Alpdrucks durch die wache Wirklichkeit, wird vielleicht unendlich schwerer scheinen 
als sie ist: vielleicht gerade unmittelbar vor dem Siege wird dieser unmöglich scheinen. Aber das 
individuale Subjekt ist die Überraschung in eigner Person und muß einmal alle Welt überraschen, 
wen es sich von aller Welt nicht abschrecken läßt, sich selber mit sich beständig zu überraschen. 
Die sogenannte Todesfurcht ist vielmehr Lebensfurcht: es fehlt das integre, menschlich ganz und 
gar unbeeinträchtigte Zutraun zu sich selber, d. h. also zum Leben,- denn eigentlich lebt nur das 
Innerste,- der Rest ist Reflex. Das individuale Selbstvertraun aber kann man nur spontan sich 
selber geben,- es ist unbeweisbar, weil es das Beweisende ist. 
Zwischen Schöpfer und Geschöpf ist keine Relation, sondern alle Relation ist Geschöpf. Das 
Nichts von aller Welt, aller Differenz, die Freiheit, der Wille, das Individuum, das ungeteilt 
Innerste bedeutet gar nichts als seine eigne automatische Objektivation. Aber ohne willkürliche 
individuale Subjektivation ist also die Welt noch gar nicht exakt objektiviert. Freiheit von allem 
Müssen ist auch hinwiederum gar nichts anderes als die Freiheit zum Müssen. Subjektive Frei 
heit bedeutet nichts als objektive Notwendigkeit: Wille nichts als Zwang zur Tat. Wille in dem
	        

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