Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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an seiner Stelle sein. Denn ich kannte ihn. Er war ein Stier, der stündlich ge 
schlachtet wurde. Die Presse schreibt, er hat bis zum Schluß Champagner ge 
trunken. Er hat immer sein eigenes Blut geschmeckt — so verzweifelt war er, so 
gehetzt — er sah niemanden hinter sich, immer getrieben, gestoßen, gepreßt, ge 
würgt. Was wollten denn diese Liberalen, diese Metropoliten, diese Fürsten von 
ihm. Er hat sich nach Sibirien gesehnt, er hat wollen die Menschen umbringen, so 
bereit war er, sich ihren Wünschen zu opfern, ich weiß das. Und darum rufen ihn 
alle einen Heiligen, aber keiner hat den Mut gehabt, mit ihm zu sprechen. Ihn 
kameradschaftlich niederzuschlagen. Theater, Theater. 
Was schert uns schließlich Rasputin? 
Ich liebe ihn. Schert sich wer um mich? Darum gerade bin ich wir. Es ist so be 
schwerlich, zu hassen, verschwenderisch, weiß man denn, was noch kommt! 
Es wird nicht mehr viel kommen. 
Es gibt ja doch keinen, der den Dreck auf sich nimmt, die Welt zu peitschen. Mit 
einem Gott sich herumzuzerren, der die Menschen liebt. Das ist doch fürwahr 
kein sauberes Geschäft. 
Die Hölle wird immer fader. Einer nach dem anderen krepiert. Psychologie ana® 
lysiert sich zu motorischer Kraft. Neandertal — du bist mein Freud. 
Wir sind alle verloren, wenn nicht! 
(Obwohl dieses Zeichen weh tut.) 
Es wäre fein, damit zu schließen, daß dem Rasputin keiner geholfen hat. Sicher 
hätte er den und sich umgebracht, vergewaltigt. 
Denn wir, die Feinnervigen, die Europäisierten, Verstrickten von schärfer und 
stechenderen Leuchten der Umwelt haben wenigstens noch etwas gegen ihn ein® 
getauscht, ein kläglich flackerndes Wissen von unserem Zusammenbruch — bevor 
die Flamme aus dem Wesen der Frau, von uns geschürt, uns frißt. 
Joßannes Reineft
	        

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