Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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/Sefne <qeseHicmt 
Von GoVi ^Ajzrulett 
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Meine Geschichte V Jeh habe keine ! . Oder doch, 
aber so alltäglich, ganz alltäglich," 
Er war während dieser Worte langsam durch das 
Zimmer geschritten. Jetzt stand er am Fenster und 
schaute mit nachdenklich, ja finster zusaimnengezo- 
genen Brauen auf die schon herbetlich-trüb gefärbte 
Strasse. Ueber der Nasenwurzel bildeten sich dabei 
2 tiefe Furchen in Gestalt einer V. Plötzlich wandte 
er sich kurz auf dem Absatz ! 
"Nun gut, ich will sie Dir erzählen!" - 
Doch schon schien ihn sein sein schneller Entschluss 
wieder gereut zu haben. Langsam, zögernd nahm er 
wieder den Rundgang in dem wohnlich eingerichteten 
Bib1iothekzimmer auf, blieb hier stehen, sah prüfend 
ein ihm längst bekanntes, an der Wand hängendes Bild 
an, schritt wieder weiter, hielt wieder an, betrach 
tete söheinbar interessiert die Bücherrüoken seines 
Schrankes und wusste offenbar nicht den rechten An 
fang zu finden. Jch betrachtete, ängstlich in meinem 
Klubsessel sitzend, nachdenklich forschend sein Ge 
sicht. Ja, er war alt geworden ! Deutlich trat das 
jetzt zu Tage, wo er ohnehin von der ermüdenden Be 
rufsarbeit erschöpft war. Die feinen Falten um Mund 
und Schlafen hatten sich vertieft und gaben seinem 
Gesicht ein etwas grämliches Aussehen; in den klei 
nen Schnurrbart und die noch immer reichlichen Haare 
mischte sich schon bedenklich viel Grau. Auch seine 
lange hohe Gestalt hielt er - wie es mir schien - 
nicht mehr so gerade und straff wie einst. - 
Nun Hess er sich langsam in einen der grossen 
Sessel fallen und bedeckte müde die Augen mit der 
Hand, Dann begann er» erst mit tonloser, langsamer 
Stimme, dann immer mehr in Fluss geratend und sich dem 
Gang der Erzählung anpassend: 
"Dass Du 's nur weisst, mein Lieber, die Frauen spie 
len in meinem Leben keine Rolle, Eine Liebesgeschich 
te bekommst Du nicht zu hören. 
(Fortsetzi;ng folgt).
	        
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