Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

Seine Geschichte. 
(Schluß.) 
„Und jetzt kommt die eigentliche Tragödie, wenn sie 
nicht so furchtbar alltäglich und selbstverständlich wäre. 
Unsre Studien und unser Fleiß oder, um es offen zu sagen, 
Strebertum war in den maßgebenden Kreisen nicht unbe 
merkt geblieben. Schon bald nach Absolvierung der Uni 
versität erhielten wir beide eine ehrenvolle Berufung als 
Assistenzärzte zu einem sehr bekannten Dresdner Amt. 
Doch diese Stellung brachte uns kein Glück. 
Etwa ein Jahr mochten wir dort gewesen sein, als 
in der Stadt eine furchtbare Diphteritis-Epidemie ausbrach. 
Hunderte und Aberhunderte von Menschen wurden nach 
den vor der Stadt gelegenen Isolierbaracken gebracht. Und 
dann eröffnete juns eines Tages unser Vorgesetzter, daß unsre 
Hilfe bei ihm überflüssig sei, daß wir aber uns sein unbe 
grenztes Vertrauen und Wohlwollen erhalten würden, wenn 
wir uns als Hilfsärzte in den Isolierbaracken anstellen 
ließen. > 
Was sollten wir tun? Zwei verwaiste Beamtensöhne 
ohne Vermögen in abhängiger Stellung? 
Wir nahmen an. 
Die Arbeit war nervenaufreibend, Kräfte verbrauchend, 
fürchterlich anstrengend — aber lehrreich. — Immer neue 
Ströme von Kranken überfüllten jedes Zimmer. Aus jedem 
Auge, aus jedem Mund erscholl immer dieselbe angstvolle, 
kindlich egoistische Frage entgegen: „Werde ich genesen?“ 
In der Krankheit wird der Mensch wieder zum Kind oder 
— zum Tier. 
Wir jungen Aerzte stellten alle unsere Kräfte in den 
Dienst der gemeinsamen Sache. Abends sanken wir tod 
müde sofort ins Bett. Wir durften uns keinerlei Erholung 
gönnen, durften die Baracken nicht verlassen. Gaben mit 
offnem Herzen und frohem Mut unser teuerstes Gut, unsere 
Gesundheit, der mörderischen Krankheit preis. Es wurde 
uns übel gelohnt. 
Schon war die Krankheit im Verebben, da wurden, ob 
aus Mangel an Desinfektion oder sonstiger Unachtsamkeit, 
ist nie aufgeklärt worden, wir beide fast gleichzeitig von ihr 
befallen. Sie, die wir so erfolgreich bekämpft hatten, hielt 
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