Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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Das schwarze Revier. 
Schwarz und ungeheuer recken sich trotzige Arbeiter 
silhouetten vor dem unruhigen Blenden großer Bogenlampen. 
Und das monotone Geräusch der Fabriken, Hochöfen und 
Bergwerke gibt den Hintergrund zu den Stahlgebilden ausWort 
und Reim, die Paul Zechs Flugblatt „D a s schwarze 
Revier“ (A. R. Meyer, Berlin-Wilmersdorf) enthält. 
Man denkt zurück an Zolas Germinal. Zola war einst 
durch sein Mitleid und die stürmische Kraft seines Dichter 
temperamentes hingerissen worden zu der breitströmenden 
Wucht seines Epos, das, eine flammende Volksrede, alles 
zeitgenössische Empfinden aufwirbeln sollte, ja schließlich 
einen Idealstaat ermöglichen. So mußte Zola, trotz all seiner 
künstlerischen Kraft, als Eroberer eines ungeheuerweiten 
Neulandes, viele überlieferten Werte zerstören. Kunst und 
Tendenz gärten wild durcheinander. 
Heute hat sich das Bild verschoben. Das Milieu, das 
früher selbstherrlich in den Mittelgrund trat, und, unge 
staltet, alle Gestaltung duröhbrach, ist nun Material ge 
worden, aus dem der Künstler sein Werk formt. So konnte 
Paul Zech die Gedichte seines „schwarzen Reviers“ in die 
knappe Form des Sonnets spannen. Denn hier ist die Ten 
denz verschwunden, die den Hörer zum Mitleid und zur 
Empörung entflammen sollte, hier handelt es sich nur noch 
darum, ein Kunstwerk möglichst hoch hinaufzurecken. Aber 
wie veränderte sich dadurch die so harmonische Form des 
Sonnets, in die vergangene Dichter ihre Liebe kleideten. 
Kantige Klötze sind daraus geworden, hart und starr. Man 
fühlt im Rhythmus der Verse die herbe Landschaft des 
Ursprungs. Die vernichtende Schmucklosigkeit der Fabrik 
gebäude, der unbeugsame Trotz aufrührerischer Arbeiter 
gesichter und die Katastrophen, die wie ein Schicksal jäh 
über die Menschen hereinbrechen, prägen sich in Verse 
Paul Zechs aus und geben seinem Sonnet neue Monumen 
talität. Nicht das Mitleid hat diese Gedichte geboren, son 
dern das Erlebnis. Darum wirken sie so unmittelbar wahr 
und doch so einheitlich gestaltet. 
* 
Inzwischen erschien im Verlag der weißen Bücher ein 
neuer, umfangreicher Gedichtband Paul Zechs : „Die eiserne 
Brücke“. Dies Buch ist eine schöne Erfüllung der Hoff 
nungen, die „das schwarze Revier“ erweckte. 
Otto Erbe.
	        
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