Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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die Einfachheit und Ueberzeugungskraft von Paradigmen. 
(Darum nicht zuletzt halte ich die Marionettenbühne für den 
gegebenen Aufführungsort Wedekindscher Dramen; hier 
kann jedenfalls nicht die Hysterie einer modernen, an Ibsen 
geschulten Schauspielerin die grandiose Geschlossenheit der 
Lulu in kleine Raffinements zersetzen.) 
Stählern, wie seine Figuren als ungeheure, erschüt 
ternde Symbole unserer Zeit ragen, bauen sich die Gefüge 
der Dramen Wedekinds auf. Es sind keine mühsam-klassi 
zistisch verknotete Handlungen. Ihre Notwendigkeit ruht 
nicht in einer komplizierten Konstruktion, sondern allein 
in der eigenen Schwere, die Geschehnis auf Geschehnis, 
Akt auf Akt sich sicher zur Höhe türmen läßt. 
Verwirrend und unheimlich ist das erste Aufleuchten 
der Dramen Wedekinds. Tragik, Komik, Zynismus, Ironie 
und Groteske stehen so dicht nebeneinander, daß es scheint, 
als stritten sie vergeblich um die Kunst. Ein unruhiges 
Flackern geht hierhin und dorthin. Aber aus dem Genie 
dieses Dichters wächst es doch immer wieder zur Einheit 
und Größe: Und die verzerrte Maske leuchtet starr und 
grell auf über Widerspruch und Wirrsal. 
Es mag mancherlei einzuwenden sein gegen das Ziel, 
die Weltanschauung und die Dichtung Wedekinds; aber 
es ist wichtiger, begeistert zu sein, daß ein Dichter endlich! 
wieder wagt, eine Weltanschauung zu haben und für sie bis 
zum äußersten zu kämpfen. 
Heute zu sagen „meine Weltanschauung ist 
wichtiger als meine Kunst“, heißt Heros sein. 
Und Wedekind, :an dessen bisherigen Werkes Ende Sim- 
s o n stolz und unerschütterlich steht, verharrt im Kampf, 
trotzdem der Pöbel seine Lehre verhöhnt und der Neid 
kleiner Literaten an ihr und seiner Dichtung mäkelnd 
herumhackt. 
Wenn auch der Philisterfürsten so viele sind, daß Simson 
sie nie ausrotten kann, er bleibt der Stärkere und später 
singt der Pöbel seine Lieder. 
Rudolf Börseh.
	        
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