Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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Sälen vielleicht anderthalb hundert Bilder. Die Farben drän 
gen auf mich ein. Ihre Sonnen blenden mich. Unwahrschein 
lich grell und gelb leuchten die Sonnenblumen. Ueber der 
heißen und hellen Landschaft Arles’ ist ein fast samtener, 
tiefblauer Himmel gespannt. Jedes Ding auf diesen Bil 
dern strahlt in Farben von unerhörter Reinheit. Man fühlt 
die Unersättlichkeit des bisher so monotonen Holländers, 
der sich in einer kleinen Skala brauner Töne fast erschöpfte, 
und an dem in Arles mit einmal das Wunder der leuchtenden 
Landschaft geschah. Und man fühlt auch die Angst, nicht 
fertig zu sein mit all den glühenden Farben, wenn der 
Tod kommt, der immer dichter den unermüdlichen umschlich. 
Es entstand in diesen drei Jahren in Arles und Auvers Bild 
auf Bild eins nach dem anderen, (jedes wie eine Flamme einen 
exstatischen Herzschlag des Malers kündend. Kein einmal 
Aufatmen scheint zwischen diesen Bildern zu liegen. Sie 
sind wie ein einziges atemloses Gedicht. Jedes ein geller, 
erschütternder Schrei aus Einsamkeit und Kampf. — Aber 
mitten darunter auf einem fast goldgelben Grund die Arle- 
sienne mit ihrem heiligen, leidvollen Gesicht in erhabener 
Ruhe, ein Augenblick des Anhaltens im Kampf mit den Din 
gen, ihnen alles zu entreißen, ein Augenblick der Versenkung 
und des Gebetes. — 
Hede von Trapp stellt Grajphik und Tuschzeich 
nungen im „Salon Neuner“ aus. Eine Künstlerin von un 
erhört kultivierter Sensibilität, die auf der Grenze von Natur 
und Ornament kleine Blätter von der unwahrscheinlichen 
Zartheit der Orchideen schafft. Sie liebt die Orchideen, 
zeichnet und radiert sie in immer neuen Variationen. Ihren 
farbigen Blättern gab sie die Töne dieser abenteuerlichen 
Blumen, deren schweres betäubendes Gift ihre stärksten 
Zeichnungen atmen ; ein Gift, das schon Beardsley kannte, und 
das auch die gesteigertste Geste nicht über eine ästhetische 
Pose hinauswachsen läßt. Eine Kunst, die nicht die Kraft 
zur Extase hat, sondern in einer fast trainierten Hysterie 
pretiös verzückt, die mit jedem Nerv nur noch genießen will, 
die einen Tag sinnberückend blüht — und welkt. 
Marc Chagall zeigt seine Bilder in den Ausstellungs 
räumen des „Sturm“. Auf sehr großen Leinwänden sieht 
man exstatische Verzerrungen und naiv-groteske Erhebungen. 
Sein Kubismus ist nicht mehr Theorie und Experiment, 
sondern das diesem Künstler notwendige Ausdrucksmittel. 
Von allen Seiten drängen spitze, eckige Formen in sein Ge-
	        

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