Full text: Erstes Veilchenheft (21)

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von nebenan durch die Wand ohne sich groß was dabei zu denken. 
Morgens war ihr erster Weg zur Küche; sie mußte waten, denn die 
ganze Wohnung stand unter Wasser. Tische und Stühle kamen ihr 
entgegengeschwommen. Die Schränke waren dick aufgequollen, wie 
Pappe. Von den Wänden waren die Nägel abgerostet, und alle 
Bilder nebst Wandschmücken iagen unten im Wasser, das ihr bis ans 
Knie ging. Sie dachte: „Wenn’s nur dem Tierchen gut geht, dann 
bin ich’s ja gern zufrieden I" - Aber dieser Schreck. Denken Sie, 
wie sie in die Küche kommt, liegt das Tier tot. Es ist ganz 
dick aufgequollen und muß wohl ertrunken sein. Den Kopf hatte es 
hoch unter den Gaskandelaber gehängt, aber das Wasser mußte in 
der Nacht wohl höher gestanden haben, und da war es offenbar zu 
lange unter Wasser gewesen. Und nun das aufgequollene Tier wieder 
herauszukriegen! Frau Schönwetter stellte gleich den Wasserhahn 
ab, denn nun hatte es keinen Zweck mehr, das Wasser laufen zu 
lassen. Und nun sah man erst, wie die Türen gequollen waren, und 
als das Wasser abgelaufen war, waren die Fußböden so schlammig 
und weich, wie die Feldwege im Winter. Und dann das Gewicht 
des Tieres! Ein normales Flußpferd wiegt nach Herders Konversations 
lexikon, dritte Auflage, reich illustriert durch Textabbildungen, Tafeln 
und Karten, dritter Band, Elea bis Gyuilay, Freiburg im Breisgau, 
Berlin, Karlsruhe, München, Straßburg, Wien und St. Louis, Mo. Seite 
675, bis 2500 Kilogramm. Aber Frau Schönwetter war helle. Sie 
schnitt einfach das Tier von hinten in kleine Scheiben, die sie 
selbst bequem tragen konnte, und trug es dann scheibenweise mit dem 
Mülleimer in den Wechselsack. So sparte sie wenigstens den Dienstmann. 
Und nun die Steinböcke? Angangs schliefen sie ganz ruhig auf dem 
Fußende von Gleiwitzens Bett. Aber mitten in der Nacht mußten 
doch wohl Meinungsverschiedenheiten entstanden sein, und nun ging’s 
aber los! Sie rasten hintereinander her, und Gleiwitz war auf 
gewacht und pfiff mit seiner schrillen Pfeife dazwischen. Und die 
vier Steinböcke rasten an den Wänden hoch und warfen aber auch 
alles um. Da wußte sich Gleiwitz nicht zu helfen, er nahm sein 
Taschenmesser und erstach einen nach dem anderen. 
Und wie nun die vier tot dalagen, schnitt sich Gleiwitz die Pulsadern 
auf und legte sich daneben; denn er hätte das wertvolle Porzellan 
nie im Leben wieder bezahlen können. 
Warnung: 
Schreiber dieses hat so ausführlich geschrieben, um die eminente 
Gefahr einer Zoologischen-Garten-Lotterie deutlich zu demonstrieren. 
Man sollte die außerordentliche Gefahr nicht verkennen und die 
zoologischen Gärten so stellen, daß sie ihre Insassen standesgemäß 
beherbergen können: dem Löwen eine Wüste, dem Nilpferd 
einen Strom, den Steinböcken ein Hochgebirge. Das 
ist soziale Tierpflege, und das ist standesgemäß für die Tiere. 
Schacko 
Jacco 
Sie werden sicher denken: „Son nackiges Tierche", isser auch. 
Der hat sich nämlich alle Federn ausgerissen. Weil unser Vater doch 
so hat leiden müssen, ehr daß der starb; und da hat der abends 
immer Licht angehabt, weil der nicht hat schlafen können; und 
da hat dann das Tierche auch nicht schlafen können, weil der immer 
Licht angehabt hat, son armes Tierche; und da hat der sich aus 
Kummer vor lauter Langerweile alle Federn ausgerissen. Auf seinem 
kleinen Kopfe, da hatter ja noch welche, schön siebter ja nicht 
grade aus, son nackiges Tierche. Pfui schäm dich, Schacko, dreh 
dich mal um, und der schämt sich noch nicht emal! 
Aber ich denke: „Gehster mal mit zum Tierarzt, der kann ja auch 
nichts machen." Und da sagich: , Herr Doktor, Sie werden sicher 
denken, son nackiges Tierche, isser auch. Der hat sich nämlich alle 
Federn ausgerissen. Weil unser Vater doch so hat leiden müssen, 
ehr daß der starb; und da hat der abends immer Licht angehabt, 
weil der nicht hat schlafen können, und da hat das Tierche auch 
nicht schlafen können, weil der immer Licht angehabt hat, son armes 
Tierche; Und da hat der sich aus lauter Kummer vor Langerweile 
alle Federn ausgerissen. Auf seinem kleinen Kopfe, da hatter ja noch 
welche, schön siehter ja nicht grade aus, son nackiges Tierche. Pfui, 
schäm dich, Schacko, dreh dich mal um, und der schämt sich noch 
nicht emal!"
	        
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