Full text: Erstes Veilchenheft (21)

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„Sa", sagt da der Tierarzt, „da kann ich auch nichts machen, ich bin 
nämlich Tierarzt. Wenn der sich alle Federn ausreißt, daß da 
keine wachsen können, dann hatter eben keine. Schön siebter 
ja nicht grade aus, son nackiges Tierche, pfui schäm dich, Schacko, 
dreh dich mal um, und der schämt sich noch nicht emal. Auf seinem 
kleinen Kopfe, da hatter ja noch welche. Aber da behalten Sien 
doch zur Erinnerung an Ihren guten Vater, weil der doch so hat leiden 
müssen, ehr daß der starb." 
Und da hab ich ihn behalten zur Erinnerung. Und dabei mag mich 
das Tierche noch nicht emal, weil ich doch ne Frau bin, weiis 
doch ein Weibchen ist, das riecht der. Das nennt man bei den 
Tieren Instinkt, weil man doch nicht Inriecht sagen kann, aber 
das riecht der. Wenn ich dem zum Beispiel das Köpfchen kraule, 
dann beißt der mich. Wenn Sie dem aber das Köpfchen kraulen, 
dann gibt er Ihnen Küßchen, weil Sie doch ein Mann sind, 
weiis doch ein Weibchen ist. Sag mal Schacko, soll Dir der Rudolf 
mal das Köpfchen kraulen, oder ist es der Otto? Die älteren 
Herren nennter nämlich: „Der Rudolf", die jüngeren der 
Otto, weiis doch ein Papagei ist. Sag mal Schacko, ist es der 
Rudolf, oder ist es der Otto? 
„Derrr Rruudolf"! 
Hören Sie, er sagt: „Der Rudolf", son liebes TiercheI 
Als unserVater noch lebte, hab ich gesagt: „Vater, wenn Du einmal, 
was der Himmel verhüten möge, Deine Augen für immer schließen 
solltest, was soll dann aus dem Tierche werden? Der nimmt doch 
von mir kein Futter, weil ich doch ne Frau bin." Da hat unser 
Vater gesagt: „Wenn ich dereinst einmal, was der Himmel verhüten 
möge, die Augen für immer schließen sollte, und der hat keinen 
Besseren, dann wird er von Dir sein Futter schon nehmen." Und 
als unser Vater, was der Himmel verhüten möge, seine Augen für 
immer geschlossen hatte, und der hatte keinen Besseren, und 
ich gab dem am anderen Morgen sein Futter, da hat der alles aus 
den Stäben seines Bauers wieder herausgeknibbelt und dazu 
hatter gesagt: „Ssähste, daa hastn", weiis doch ein Papagei ist. 
Aber am anderen Morgen, da hat ders vor Hunger gefressen. 
Sehen Sie, jetzt macht der sein Nießerchen. Gesundheit, Schackol 
Sehen Sie, und jetzt weint der. Aber Sie werden jetzt sicher denken: 
„Was hängt denn da eigentlich herunter?" Ja, das ist nämlich 
sein Kropf. Das Tierche hatten Kropf! Der muß doch wissen, 
wo der seine Körnerchen hintut, wenn der seine Nahrung zu sich 
nimmt, dazu hat der seinen Kropf. Sie würden das garnicht emal 
bemerken, wenn der seine Federn noch hätte. Aber die hatter 
sich ja ausgerissen. Weil unser Vater doch so hat leiden müssen, 
ehr daß der starb, da hat der sich alle Federn ausgerissen. Auf 
seinem kleinen Kopfe, da hatter ja noch welche, schön sieht er ja 
nicht grade aus, son nackiges Tierche, pfui schäm dich, Schacko, dreh 
dich mal um, und der schämt sich noch nicht emal! 
Aber Sie werden jetzt sicher denken: „Was hängt denn da nun 
schon wieder herunter?" - Ja, das ist nämlich ein Bruch. Das 
Tierche hatten Bruch! 
Ja, wenns'n Mensch wäre, dann würde ich sagen: „Der muß ein 
Bruchband tragen" oder wenns gar ne Dame ist, aber der trägt 
doch kein Bruchband, weiis doch ein Papagei ist. Der läßt sich an 
seinem kleinen Körper doch nicht ankommen 1 Der würde sich das 
bloß abknibbeln und sagen: „Sähste, da hasten!" weiis doch ein 
Papagei ist. Der hat nämlich mal 8 Tage keinen Stuhlgang 
gehabt. Da hab ich gedacht: „Gehster mal mit zum Tierarzt, 
der kann ja auch nichts machen". Und wie ich mit dem Tierche 
in der Eisenbahn sitze, von der Aufregung oder von dem Rucken 
oder so, da kriegt der plötzlich Losung, und da hat der sich 
das da alles herausgedrängt. Schön sieht er ja nicht grade aus. 
Da hab ich gesagt: „Herr Doktor, Sie werden jetzt sicher denken, 
was hängt denn da nun schon wieder herunter? Ja, das weiß ich 
nämlich auch nicht. Der hat nämlich 8 Tage keinen Stuhlgang 
gehabt, und da denk ich, gehster mal mit zum Tierarzt, der kann 
ja auch nichts machen. Und wie ich mit dem Tierche in der Eisen 
bahn sitze, von der Aufregung oder von dem Rucken oder 
so, da kriegt der plötzlich Losung, und da hat der sich das alles 
da herausgedrängt." „Ja", sagt da der Doktor, „da kann ich 
auch nichts machen, ich bin nämlich Tierarzt. Der hat nämlich
	        
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