Full text: Erstes Veilchenheft (21)

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Die Zoologische Garten-Lotterie 
Schulze bekam einen richtigen Brief mit der Post. „Donnerwetter", 
dachte er, „da wird wer gestorben sein, ich weiß nicht, wer mir 
sonst schreiben sollte." Aufgeregt riß er den Brief auf, da war es 
nur eine Anzeige der Zoologischen-Garten-Lotterie. „Du solltest dein 
Glück mal versuchen", sagte Frau Schulze, „ein Mann muß Unter 
nehmungsgeist haben. Denk mal, wenn wir zum Beispiel eine Gans 
gewinnen würden, die könnten wir billig schlachten und essen." — 
„Aber wenn wir nun einen Elefanten gewinnen oder ein Nilpferd, 
was wollten wir wohl damit anfangen?" 
In dem Augenblick kam Frau Schönwetter von nebenan aufgeregt 
herein und sagte: „Soeben habe ich einen Brief bekommen, und ich 
denke, es ist wer verheiratet oder gestorben. Ich reiße den Brief 
auf, und da steht da: „Gnädige Frau, versuchen Sie Ihr Glück, hier 
können Sie einen Elefanten gewinnen." Ich bin ratlos, was soll ich 
tun? — „Natürlich ein Los nehmen", sagte Frau Schulze, „wir nehmen 
auch ein Los." 
Da kam schon der junge Herr Gleiwitz von unten herauf und sagte 
atemlos: „Ich habe soeben einen Brief bekommen. Ich denke na 
türlich, Mutter ist krank, oder jemand hat sich verlobt oder ein Kind 
bekommen, aber es ist ein Los. Und richtig bedacht, warum soll ich 
nicht ein Los nehmen? Sehen Sie, ich kann einen Hund gewinnen, 
und ich wollte mir schon immer einen anschaffen. Ich werde ja 
wohl nicht gerade eine Riesenschlange bekommen, die mich nachts 
erwürgt, oder ein Lama, das mich dauernd anspuckt." — „Wir nehmen 
auch ein Los", sagte die Schulze, und da sagte ihr Mann: „Jawohl, 
und wenn wir einen Eisbären gewinnen sollten, wir können ja heizen." 
Die Tage bis zur Ziehung waren aufgeregte Wochen. Schulze hatte 
sich schon einen Reitanzug bestellt, um auf dem zu gewinnenden 
Zebra jeden Morgen zur Gesundung in den Tiergarten zu reiten, 
während Frau Schulze sich Schmalz gekauft hatte, um Gänseschmalz 
machen zu können. Und wie sie noch so redeten, kam ein einge 
schriebener und versiegelter Brief. Schulze wußte es jetzt, daß keiner 
gestorben oder geboren sein konnte, denn er hatte ja ein Los. 
Zitternd vor Aufregung riß er den Brief auf, dann setzte er sich wie 
gebrochen in seinen Lehnstuhl und sagte nichts. - „Was ist Dir, 
Alterchen?" fragte Frau Schulze. — „Wir haben den Hauptgewinn." — 
„Ach, Du Süßer!" — „Laß das lieber sein", sagte Herr Schulze, „wir 
sind ruiniert, denn wir haben den großen Löwen gewonnen, und der 
frißt uns alle auf." — „Aber Männchen, wir haben doch immer so viele 
Küchenabfälle, oder es wird mal etwas Milch sauer, und dann die 
viele Kartoffelschale, das kriegt alles der Löwe." - „Aber Liebste, 
denkst Du etwa, daß ein Löwe saure Milch säuft wie eine Ziege? 
Er ist doch kein Meerschweinchen. Da hast Du Dich aber geschnitten." 
In dem Moment kam Frau Schönwetter herein. 
Den Türgriff noch in der Hand haltend, sagte sie: „Ich habe das 
Nilpferd gewonnen, können Sie mir wohl Ihr Goldfischglas borgen?" — 
„Um Gottes willen", sagte Schulze, „da müssen Sie schon Ihre Bade 
wanne opfern, in unser Goldfischglas paßt es nicht rein." - „Aber 
machen Sie keine Geschichten, Herr Schulze, es muß rein." - „Aber 
wenn's nun doch nicht rein paßt?' — „Es wird schon rein passen." — 
„Aber wenn’s nun doch nicht rein paßt? — Da sagte Frau Schulze: 
„Ach, Quatsch, wir haben nämlich den ersten Preis, wir haben den 
großen Löwen gewonnen." — Frau Schönwetter stieß einen Schrei des 
Entsetzens aus. — „Warum schreien Sie denn so gewöhnlich?" — 
„Ach, ich dachte nur, wenn der Ihren Mann beißen würde." - „Ach- 
gottenee! so was braucht unser Löwe nicht, den füttern wir standes 
gemäß. So’n bißchen Kartoffelschale wird wohl noch übrig sein. 
Und wenn der das nicht mögen tut, denn muß er eben! Herrgott, 
an was haben wir uns selber im Kriege nicht alles gewöhnen müssen." 
Da stürzte auch schon Herr Gleiwitz herein: „Sie haben ja die Tür 
offen stehen." — „Macht nix, wir haben ja einen Löwen, uns kann 
keener." — Herr Gleiwitz sprang mit einem Satz auf die Kommode 
und fragte verwirrt: „Wo is denn der?" - „Noch isser im Zoo, der 
kommt morgen." — „Ach so", sagte Herr Gleiwitz und sprang wieder 
herunter, nahm eine königliche Miene an und sagte: „Ich habe zwei 
Paar Steinböcke gewonnen." - „Dann nehmen Sie nur Ihre Steinböcke 
ein wenig in acht, daß unser Löwe die nicht frißt." - „Wir müssen 
die Tiere aneinander gewöhnen", sagte Herr Gleiwitz. - „Und ich 
habe das große Nilpferd", sagte Frau Schönwetter. - „Wo wollen 
Sie das man bloß hintun?" - „Ich dachte in Schulzes Fischglas." -
	        

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