Full text: Schutzhaft : Erlebnisse vom 7.-20. März 1919 bei den Berliner Ordnungstruppen (2)

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nur noch fortwährende Kolbenschläge hörten, woraus sich 
schließen ließ, daß der Matrose sich aufs äußerste verteidigte. 
Als Zweiter wurde der Schweizer, ein Herr S...z, herein- 
geführt; auch über ihn fiel man her, vermutlich um seiner eleganten 
Kleider habhaft zu werden. Er wurde indessen nicht so sehr 
wie der Matrose mißhandelt, da einige warnend betonten, er sei 
Schweizer. — Der Matrose mußte unserer Überzeugung nach 
erschlagen sein, denn verschiedene Offiziere und Chargierte 
stellten unter grausamem Schmunzeln und Händereiben fest 
daß er zu „Hackepeter“, „in Scheiben“ und dergleichen ver 
arbeitet worden sei. 
Wir waren, als die Lynchung des Matrosen sich mehr im 
Hintergründe abspielte, hereingeholt worden und blieben zehn 
Minuten lang innerhalb des Eingangs stehen. Man hatte gleich 
zeitig das. bei mir beschlagnahmte Verlagsmaterial herbei 
geschleppt und auf einen Tisch gelegt, was insofern unser 
Glück war, als es die Wut der halb angekleideten Soldaten von 
uns ablenkte. Bald verteilten sie die Nummern unter sich, 
lasen und betrachteten sie und ergingen sich daraufhin in Ver 
wünschungen gegen den Redakteur, das heißt mich, ohne mich 
aber zu erkennen, meinten, er habe wohl mit ihnen Fußball 
spielen wollen, jetzt aber — drohten sie höhnisch — werde mit 
ihm Fußball gespielt, bis ihm Hören und Sehen verginge und 
er nicht mehr aus dem Gefängnis herauskäme. Ich war ge 
wärtig totgeschlagen zu werden, 'was indessen nicht geschah, 
weil sie mich nicht erkannten. Das junge Mädchen wurde 
abseits genommen, in unserer Gegenwart nach der Autofahrt 
nicht mehr mißhandelt. Alle andern aber rechneten in diesen 
Minuten wohl mit ihrem Leben ab, denn die unglaublichsten 
Drohungen wurden laut: jeder Spartakist wird erschossen, nein, 
jeder sechste oder auch für jeden toten Regierungssoldaten ein 
„Gefangener“. Daher, als wir auf Befehl eines älteren Militärs 
im Gemeinen-Mantel, den man mit „Herr Major“ ansprach, nicht 
durch den Gang gelassen wurden, welcher angefüllt war von 
brüllenden Soldaten und deren weiblichen Genossinnen, sondern 
in den Hof zurück mußten, da erwarteten wir (später^efzählten 
wir es uns) ausnahmslos, im Hofe erschossen zu werden; der 
art hatte man uns mit Angst erfüllt. Ich hatte zwar leise des 
Majors Bemerkung gehört „Laßt sie durch die Hintertür herein“, 
machte mich aber — ungewiß, ob ich richtig verstanden habe — 
trotzdem noch auf Schlimmstes gefaßt. In der Tat wurden wir 
durch eine Außentür über den Hof nach den Galerien geführt, 
wo man uns elf unter Fußtritten in zwei Zellen stieß. 
Die Zellen waren frisch getüncht und feucht, ohne jegliches
	        
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