Full text: Schutzhaft : Erlebnisse vom 7.-20. März 1919 bei den Berliner Ordnungstruppen (2)

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der Ruf: „meine Schuhe“, und barbarisches Gelächter. — Da 
sagten wir uns gemeinsam, daß diese Lynchungen nicht auf 
Erregung, sondern auf System und Instruktion zurückzu- 
führen seien. 
Gegen Abend hatte Herr K. eine nochmalige Unterredung 
mit seinen Bekannten (darunter ein Offizier), die übrigens Zeugen 
dieser Szenen waren, und erfuhr von ihnen sowie gleichzeitig vom 
wachhabenden Unteroffizier, daß zwei Galizier totgeschlagen 
worden seien. — Das Geschrei der Frau, erklärte der Wach 
habende, sei nicht von einem Opfer ausgegangen, vielmehr von 
einigen der sehr zahlreichen Soldatenliebchen, die sich Tag und 
Nacht in dem Gefängnis aufhielten und denen das Blut der Er 
schlagenen ins Gesicht gespritzt sei. Wir glaubten diese Aus 
sage nicht, und am nächsten Morgen (Montag) erwies es sich, 
daß die Angaben falsch oder ungenügend waren; denn aus der 
Zelle, in welche am Abend vorher nach dem Weibergeschrei ein 
menschlicher Körper, der die Galerie entlang geschleift worden 
war, hineingestoßen wurde, vernahmen wir nunmehr entrüstetes 
Schimpfen einer Frau über die tierische Behandlungsweise, die 
ihr am Vorabend zuteil geworden war. Der Wachhabende gab 
auch zu, es handele sich um eine Frau Hauptmann Barthel (?). 
Man hätte sie auch sicher totgeschlagen, da sie 20 Offiziere an die 
Spartakisten verraten habe, nur dank eines an ihr befestigten (?) 
Zettels „Lebend eingeliefert“, den der Transportführer sich 
quittieren ließ, habe man die Lynchung eingestellt. Sie sei an 
den Haaren nach der Zelle geschleift worden (?). Wir fragten, 
woher sie das angebliche Verbrechen der Frau wüßten. Antwort: 
Bei jedem ankommenden Transport wird uns 10 Minuten vorher 
mitgeteilt, wer die Gefangenen und was ihr Vergehen sind. 
Wir sahen also unsere Vermutung, die Lynchungen seien auf 
System zurückzuführen, bestätigt. Die späteren Ausführungen 
über den Fall S. und die „Lichtenberger“ bestärken diesen Ver 
dacht.*) 
Montag Nachmittag kurz vor 3 Uhr kündigte man uns Ab 
transport nach einem anderen Gefängnis an. Ich äußerte so 
gleich zu meinen Genossen, das bedeute Übles, denn schwerlich 
ließe man uns vor Anbruch der Dunkelheit abmarschieren, 
so daß wir den ganzen Nachmittag lang der Willkür der Sol 
daten preisgegeben sein dürften. Es kam so. Etwa 320 Mann 
standen wir inmitten des Gefängnishofes, uns gegenüber der- 
®) Bei dieser Gelegenheit erzählte man uns, Radek und Ledebour 
seien ständig von Doppelposten bewacht, deren ausdrückliche Aufgabe 
es sei, im Falle eines Angriffes auf das Gefängnis diese beiden Männer zu 
töten. Eine Prüfung des wahren Sachverhalts wäre jedenfalls angebracht.
	        

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