Full text: Schutzhaft : Erlebnisse vom 7.-20. März 1919 bei den Berliner Ordnungstruppen (2)

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ihn auch nicht mehr holen, da sie auch gleich mit verhaftet 
wurde. Man beschuldigte ihn, ein bis sieben Offiziere ermordet 
zu haben, was mir Herr S. eidlich als totale Unwahrheit be- 
zeichnete. Er führt seine Verhaftung selbst darauf zurück, daß 
er am Vorabend seiner Verhaftung die Nachricht der Lynchung 
zweier Offiziere auf dem Alexanderplatz aus der Zeitung vorlas 
und seine persönliche Meinung, die nicht offiziersfreundlich sei, 
dazu geäußert habe. Wahrscheinlich habe jemand, da die Fenster 
geöffnet waren, seine Worte gehört und sie zu einer verleum 
derischen Denunziation mißbraucht. Er könne es sich nicht 
anders erklären. S. versichert mir, er sei wohl nur deshalb am 
Leben geblieben, weil der Freiwillige, welcher ihn verhaftet hatte 
seiner Verhaftungsprämie nicht durch Tötung des Verhafteten 
habe verlustig gehen wollen,*) außerdem wurde auch er mit 
dem bezeichnenden Vermerk „lebend und gesund ein- 
gefiefert“ ins Lehrter Gefängnis gebracht. Zu verstehen ist 
solch ein Vermerk wohl derart: Der Transportführer will ver 
meiden, daß man von Leuten, die im Gefängnis gelyncht werden, 
nachträglich etwa behaupte, sie seien tot oder halbtot eingeliefert 
worden. 
In Plötzensee angelangt, hofften wir, nun den Freiwilligen 
entronnen zu sein. Wir täuschten uns. Denn im Hofe kom 
mandierte ein beleibter Herr, der dauernd mit einer Hand 
granate in der Luft herumfuchtelte: „An die Wand stellen.“ 
Dieser Trick, obwohl nicht zum ersten Male angewandt, ver 
fehlte auch diesmal seine Wirkung nicht. Die meisten glaubten 
in diesem Augenblick wohl, füsiliert zu werden, auch ich im ersten 
Moment, dann aber hielt ich es denn doch für zu ungeheuerlich, 
daß man über 300 Menschen einfach niederschieße, außerdem 
sprach dagegen, daß wir vier Glieder tief an die Wand gestellt 
wurden. Allerdings ließen uns die bereits bei unserer Ein 
lieferung im Lehrter Gefängnis laut gewordenen Drohungen: 
„für jeden toten Regierungssoldaten wird ein Spartakist er 
schossen“, vor allem aber die Lichtenberger Schauermär, das 
Unglaublichste für möglich halten. Der beleibte Herr brüllte 
auch, die Zellen seien für uns zu schade, — aber man erschoß uns 
nicht; vielmehr hieß es: „Die Lichtenberger absondern.“ Das 
geschah eigentümlicherweise einfach derart, daß man vom linken 
Flügel 20 bis 30 Mann als Lichtenberger bezeichnete, obwohl die 
Leute doch ganz zufällig beisammen standen. Sie verschwanden 
unter starker Bedeckung durch ein großes Tor, das in einen 
anderen Gefängnishof führte; derselbe beleibte Herr rief nach: 
*) S. hörte einen diesbezüglichen Streit mit an.
	        

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