Full text: Schutzhaft : Erlebnisse vom 7.-20. März 1919 bei den Berliner Ordnungstruppen (2)

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G. K. Sch. Div. nach der Waldschänke im Zoologischen Garten 
geführt wurde. Die Soldaten benahmen sich ordnungsgemäß. 
In der Waldschänke sperrte man mich in ein dürftiges Zimmer 
zusammen mit acht bis zehn anderen Verhafteten. Inventar 
des Zimmers: ein Tisch, einige (nicht genügend) Gartenstühle, 
zwei alte Holzwollsäcke, viel Schmutz. Die Verhafteten, die 
ich dort antraf, waren meist von der Straße weg verhaftet 
wegen unvorsichtiger Äußerungen, z. B.: „Der Belagerungs 
zustand sei rechtsungültig, weil vom Soldatenrat nicht gegen 
gezeichnet“, — oder „Macht Ihr Pferdewurst?“ (ein Pferd war 
nämlich in einen spanischen Reiter geraten, Soldaten versuchten 
es zu befreien, aber so ungeschickt, daß es immer mehr hinein 
geriet), — einer war verhaftet, weil er einen jungen Freiwilligen 
der nicht zu sichern verstand, „Jugendwehr“ nannte. 
Ein alter Herr, welcher Demokrat zu sein angab 
(Grammophongeschäftsbesitzer aus der Bismarckstraße), war 
an einem abgesperrten Straßenende stehen geblieben, ein 
Leutnant herrschte ihn an: „Machen Sie keinen Auflauf“, er 
habe geantwortet: „Es ist doch gar kein Auflauf.“ Daraufhin sei 
er verhaftet worden. Da die Angehörigen des Herrn (ebenso 
wie die der meisten anderen Verhafteten) in völliger Un 
gewißheit verblieben, war er sichtlich erregt, welcher Zustand 
sich derart verschlimmerte, daß ich bei dem wachhabenden 
Unteroffizier nach einem Arzt verlangte. Nach längerem Disput 
entschloß sich dieser auch, einen solchen telephonisch aus 
dem Eden-Hotel zu holen. Noch ehe der Arzt kam, wurde 
plötzlich das Zimmer ausgefegt, worum wir schon einige Stunden 
vorher — natürlich vergeblich — dringend gebeten hatten. Kurz 
vor Ankunft des Arztes kam ein sehr elegant gekleideter, junger 
Ausländer herein, der verhaftet war, weil er keine Papiere bei 
sich hatte. Seine Gesinnung war kapitalistisch-imperialistisch, 
nicht deutschfreundlich, noch weniger kommunistisch. 
Als der Arzt kam, saß der erwähnte alte Herr — kaum 
fähig zu sprechen — auf einem Stuhl, am ganzen Körper 
krampfartig zitternd. Der Arzt prüfte den Puls: es sei bloß 
die Aufregung. Ich erwähnte, daß wir anderen auch auf 
geregt seien, aber nicht zitterten, welche Bemerkung keine 
Beachtung fand. Der einzige Erfolg war, daß nach einer 
Stunde dem sichtlich Kranken irgend eine Tablette, in Wasser 
aufgelöst, verabfolgt wurde. Der Schweizer klagte dem Arzt 
gleichfalls über Magenkrankheit, was der Arzt jedoch mit ein 
paar Worten abtat. 
Im Abstand einiger Stunden wurden des weiteren ein 
geliefert: Herr Bergmann, Herausgeber der „Weltrevolution“,
	        
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