Full text: Der Sturm (13 (1922), 5)

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an den Denker-Dichter geschrieben. Dar 
unter ein Leutnant der Reserve, ein 
Schüler, der Direktor eines Reformreal 
gymnasiums, ein Bühnenarbeiter, eine 
Dame, die heute Bolschewistin ist, ein 
Obergerichtsrat und sogar ein lieber Freund 
„wenige Tage vor seinem Tode, der ihn 
plötzlich zu sich nahm“. Aus diesem 
schlichten Relativsatz bekommt man schon 
die absolute Gewissheit, dass hier ein Dich 
ter zu seinem umnachteten Volke redet. 
Dieser Freund zum Beispiel, den Herr Tod 
plötzlich zu sich nahm, (Durchwärmung) 
war „während des Krieges begeisterter Re 
publikaner und Fürstenhasser“. Dem Freund 
hat die Revolution das Geschäft verdorben. 
Er schrieb deshalb an den Freund von 
Molo: „Tilgen Sie in einer Neuauflage den 
Abschnitt, in dem Sie sich über den guten 
Kaiser Franz lustig machen. Ihr Buch hat 
mich deswegen sehr verstimmt, es wird 
ebenso auf alle wirken, die wie ich monar 
chistisch gesinnt sind, die durch die Re 
volution gescheitert sind wie ich.“ Das 
ist so ein kleiner Beweis von der Umnach 
tung des deutschen Volkes. Der Dichter 
macht sich über den guten Kaiser Franz 
lustig und dadurch den Freund böse. 
Welches gesunde Gehirn hat dieser Molo ge 
genüber dem geistig umnachteten deutschen 
Volke, dass er sich aus seiner heilen Haut über 
den guten Kaiser Franz lustig machen kann. 
Wenn es mir nun glückte, mich über den 
guten von Molo lustig zu machen, so wür 
den ihn vielleicht Redaktion und Leser des 
Berliner Tageblatts für geistig umnachtet 
halten. Das wäre eine demokratische Ge 
rechtigkeit. Aber es wird noch lustiger, 
denn Herr von Molo beweist die Symptone 
der geistigen Unmachtung unseres Volkes 
dadurch, dass ihm „unentwegt sonderbare 
Zuschriften ins Haus hagelten“. Ein Volk, 
das nicht auf der Höhe der Denkkraft 
Moloscher Romane steht, ist tief gesunken. 
Selbst „ein Marinearbeiter“ hat dem Herrn 
von Molo geschrieben, „dass er sich wun 
dere zu sehen, dass Friedrich eigentlich ein 
anständiger Mensch gewesen sei und kein 
Bluthund, wie er immer gehört habe.“ Man 
liest also, dass der Monarchist und der 
Marinearbeiter sich in der Mitte, in der 
Politik der Mitte, in der Politik der Mittel- 
mässigkeit treffen. Ist dieser Mann nicht 
bescheiden, der nicht schweigen kann und 
der nun das Lehrbuch der Deutschen 
schreiben will. Ist das nicht ein Politiker, 
wie man ihn zwar nicht in der Masse, 
aber massenhaft hat? Sollte man ihm nicht 
diktatorisch die Kulturpropaganda für das 
deutsche Volk übertragen? Ihm, der das 
Licht im Auge hat und dazu noch die Ge 
wissheit: wir sind. Leider hat es keinen 
Zweck mehr, Herrn von Molo mit dieser 
Aufgabe zu molestieren, da unser Volk ja 
bereits bestens geistig umnachtet ist. Was 
mögen das für Idioten sein, die diese gan 
zen Auflagen von allen diesen Romanen 
kaufen. Es bleibt nur die Frage: waren 
diese Idioten geistig umnachtet, als sie die 
Bücher lasen oder wurden sie es erst durch 
die Missverständnisse, die dank der Lektüre 
dieser Romane in ihnen geweckt wurden. 
Die geistige Wachheit des Herrn von Molo 
persönlich ist im Schlaf festzustellen: er 
funktioniert über den Parteien, was man 
auf deutsch liberal nennt, (Bezugsorgan 
Berliner Tageblatt) macht angeblich grosse 
Menschen klein und angeblich kleine Men 
schen gross und beruft sich ausser auf das 
Berliner Tageblatt auf einen Schüler. „Ein 
Schüler beschimpfte Richard Dehmel, der 
ein Werk liebe, das monarchistisch sei, 
Dehmel sei doch Sozialist.“ Mit welch li 
terarischer Feinheit wird dem geistig um 
nachteten deutschen Volke beigebracht, dass 
Richard Dehmel sozusagen für die Romane 
des Herrn von Molo eintrete. So ganz ne 
benbei durch den Brief eines Schülers. 
Der Schüler, selbstverständlich geistig unreif, 
wird des Sozialismus bezichtigt, was immer 
hin schon eine Sache ist. Der Schüler und alle 
Schüler überhaupt haben nicht die tiefe 
Fnnsicht für die Politik der Mitte. Das 
Lehrbuch muss geschrieben werden. Die 
Schüler, die Sozialisten und die Marinear 
beiter werden durch das durchwärmte 
Auge des Herrn von Molo erkennen, dass 
zum Beispiel Noske ein anständiger Mensch 
gewesen sei, kein Bluthund, sondern ein 
reiner Demokrat, dass Herr Ludendorff 
immer und überall gesucht, geirrt und ver 
gänglich gefunden habe. Mit der Gewiss 
heit: wir sind. Dieses und ähnliches wird 
im Lehrbuch der Deutschen stehen. Sie 
werden aus ihrer geistigen Umnachtung 
auferstehen und alle Mitglieder der deutsch- 
demokratischen Partei, Abonnenten des 
Berliner Tageblatts (Inserate zu Vorzugs-
	        
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