Full text: Der Sturm (13 (1922), 5)

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ungewöhnlich kräftig entwickelten Arm- 
und Halsmuskeln . * . Eine Kraft, die der 
Läuterung ebenso bedarf, wie ihr im Be 
reich des weiblichen Ausdrucks völlig ver 
sagendes Tanzen. Die kräftigen Glieder 
hat sie wohl in der Gewalt.“ 
Mein herzliebe Fraue, was singst Du so fein. 
Originalkritik aus der Leipziger Abendpost 
vom Jahre zwoundzwanzig. 
Ob Knabe oder Mädchen. Jedenfalls kann 
sie tanzen. 
„Bei einer Frucht ist freilich der Kern die 
Hauptsache, aber auch die bunte Schale 
kann ihren Reiz haben, so lange das Innere 
noch nicht ausgereift ist. Bernhard von 
Hindenburg“. 
Originalaphorismus aus der Leipziger 
Abendpost. Eine hafte Nuss in einer 
schalen Schale. Jedenfalls kann er nicht 
tanzen. 
„Ingeborg Lacour-Torrup . . . Mangel an 
echtem Gefühl, Unfähigkeit, Trauer und 
Freude auch nur zu empfinden.“ 
Original kritik des Leipziger Tageblatts, 
Fünfuhr Abendausgabe mit Börsenkursen. 
Erkennt sie nicht. Jedenfalls kann sie tanzen. 
„Eurhythmische Kunst. Völlig überzeugend 
und das ästhetische Gefühl wohlig befrie 
digend waren die Tänze nach Tönen Griegs 
und Schuberts; es war, als ob der Ästhet 
und Künstler im Zuschauer . . . plötzlich 
in einem weichen Rosenhügel versänke.“ 
Originalkritik aus derselben Nummer des 
Leipziger Tageblatts. Börse befestigt. 
Kleines Geschäft. 0 Rosenhügel. 0 Kün- 
ler im Zuschauer. Jedenfalls kann sie nicht 
tanzen. 
„Tanzabend Ingeborg Lacour-Torrup. Sie 
tanzte nicht, sie tänzelte. Die Figuren hat 
ten bisweilen den antikritisierenden Stil 
Thorwaldsens mit einem Einschlag franzö 
sischer Manier.“ 
Originalkritik aus der Neuen Leipziger 
Zeitung. Neu hinzutretende Bezieher sind 
selbstverständlich auch an dem Preisaus 
schreiben von fünfzehntausend Mark der 
Neuen Leipziger Zeitung berechtigt. Für 
diesen antikritisierenden Kritiker scheint 
nur noch die Kritik und nicht mehr das 
Geschlecht ein Problem zu sein. Ob Knabe 
oder Mädchen. Jedenfalls kann sie tanzen. 
ß Wortkunst 
Aus einem Turngedicht von Joachim 
Ringelnatz: 
Deutsche Jungfrau, weg das Armband! 
In die Hose! Aus dem Rocke! 
Aus dem Streckslütz in den Armstand, 
Nun die Flanke. Sehr gut! Danke! 
Deutsches Mädchen Hocke! Hocke! 
Ein Dichter trotz Reimen. 
Stiirtzt in Eure Katarakte 
Lose anvertraute Schatten 
In dem Gaukelspiel der Akte 
Lasst euch mischen und begatten. 
Kein Dichter, trotz Reimen. 
Verfasser Friedrich von Hasenclever. 
Noch durchschauert kaltes Grauen 
Da ichs denke, mir die Brust. 
Nimmer, nimmer kann ich schauen 
Dieser stillen Schuld bewusst. 
Kein Dichter trotz Reimen. 
Verfasser Walter von Schiller. 
Ja, man soll, mein Hasenclever 
sich mit Schiller nicht begatten 
Goethe, Heine, Werfel, Bewer 
Alles längst vertraute Schatten. 
Eine Wahrheit ohne Dichtung mit Reimen. 
7 Tonkunst 
Endlich wird auch die Musik fortschrittlich. 
Bald kann sie ernst genommen werden. 
Die älteren Komponisten beschäftigten sich 
nur mit Tönen, die sie auf höchst merk 
würdige Weise zusammenstellten. Jetzt wird 
man sich bald etwas bei der Musik denken 
können. Das ist um so wertvoller, als 
die Malerei sich in Farben auflöst, bei 
denen man sich nun garnichts denken kann. 
Die Wirkung der gedachten Musik stellt 
sich auch bereits ein: man schläft. Denken 
ist nämlich sehr schwer. Herr Walther 
Rathenau hat die Leitung der Konzerte 
übernommen. Unterlegter Text von Kaiser 
(Georg). Zum vSchluss bleibt alles beim 
Alten. 
3 Musik 
Ruhe und Bewegung eines Körpers ist nur 
durch Ruhe und Bewegung eines anderen 
Körpers wahrnehmbar. Die Tonkunst wird
	        

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