Full text: Anthologie Dada (4/5)

Letzte Lockerung manifest 
1. 
Um einen Feuerball rast eine Kotkugel, auf der Damenseidenstrümpfe verkauft und 
Gauguins geschätzt werden. Ein fürwahr überaus betrüblicher Aspekt, der aber immer 
hin ein wenig unterschiedlich ist: Seidenstrümpfe können be—griffen werden, Gauguins 
nicht. (Bernheim als prestigieuser Biologe zu imaginieren.) Die tausend Kleingehirn- 
Rastas embêtantester Observanz, welche erigierten Bourgeois-Zeigefingern Feuilleton 
spalten servieren (o pastoses Gepinkell), um Geldflüsse zu lockern, haben dieserhalb 
Verwahrlosungen angerichtet, die noch heute manche Dame zu kurz kommen lassen. 
(Man reflektiere drei Minuten über die Psychose schlecht behandelter Optik; klinisches 
Symptom, primär: Unterschätzung der Seidenstrümpfe; sekundär: Verdauungsbeschwerden.) 
2. 
Was dürfte das erste Gehirn, das auf den Globus geriet, getan haben? Vermutlich 
erstaunte es über seine Anwesenheit und wusste mit sich und dem schmutzigen Vehikel 
unter seinen Füssen nichts anzufangen. Inzwischen hat man sich an das Gehirn ge 
wöhnt, indem man es so unwichtig nimmt, dass man es nicht einmal ignoriert, aus 
sich einen Rasta gemacht (zu unterst: schwärzlicher Pole; zu oberst: etwa Senats 
präsident) und aus der mit Unrecht so beliebten Natur eine Kulisse für ein wahrhaftig 
sehr starkes Stück. Dieser zweifellos nicht sonderlich heroische Ausweg aus einem 
immer noch nicht weidlich genug gewürdigten Dilemma ist zwar vollends reizlos ge 
worden, seit er so völlig absehbar ist (wie infantil ist eine Personenwage 1), aber eben 
deshalb sehr geeignet, gewisse Prozeduren vorzunehmen. 
3. 
Auch einem Lokomotivführer fällt es jährlich wenigstens einmal ein, dass seine Be 
ziehungen zur Lokomotive durchaus nicht zwingend sind und dass er von seinem 
Ehgespons nicht viel mehr weiss als nach jener warmen Nacht im Bois. (Hätte ich 
La Villette genannt oder die Theresienwiese, so wären beide Beziehungen gänzlich 
illusorisch. Fingerzeig für Habilitanten : „Ueber topographische Anatomie, psychischen 
Luftwechsel und Verwandtes“.) Im Hotel Ronceroy oder in Picadilly kommt es hin 
gegen bereits vor, dass es verteufelt unklar wird, warum man jetzt gerade auf seine 
Hand glotzt und tiriliert, sich kratzen hört und seinen Speichel liebt. Diesem scheinbar 
so friedlichen Exempel ist die Möglichkeit, dass das penetrante Gefühl der Langeweile 
zu einem Gedanken über ihre Ursache sich emporturnt, am dicksten. Solch ein lieb 
licher Moment arrangiert den Desperado (o was für ein Süsserl), der als Prophet, 
Künstler, Anarchist, Staatsmann etc., kurz als Rasta Unfug treibt. 
4. 
Napoleon, ein doch wirklich tüchtiger Junge, behauptete unverantwortlicher Weise, 
der wahre Beruf des Menschen sei, den Acker zu bestellen. Wieso? Fiel ein Pflug 
vom Himmel? Aber etwas hat der homo doch mitbekommen, supponiere ich mir 
eine liebesunterernährte Damenstimme. Nun, jedenfalls nicht das Ackern; und Kräuter 
und Früchte sind schliesslich auch schon damals dagewesen. (Bitte hier bei den deutschen 
Biogeneten nachzulesen, warum ich Unrecht habe. Es wird jedoch sehr langweilen. 
Deshalb habe ich recht.) Letzthin also : auch Napoleon, der ansonsten sehr erfreulich 
frische Hemmungslosigkeiten äusserte, war streckenweise Stimmungsathlet. Schade. 
Sehr schade, 
5. 
Alles ist nämlich rastaquèresk, meine lieben Leute. Jeder ist (mehr oder weniger) 
ein überaus luftiges Gebilde, dieu merci. (Nur nebenbei: meine Gunst dem Tüchtigen, 
der mir nachweist, dass etwas letztlich nicht willkürlioh als Norm herumspritzt!) 
Anders würde übrigens ein epidemisches Krepieren anheben. Diagnose : rabiate Lange 
weile; oder: panische Resignation; oder: transzendentales Ressentiment etc. (Kann, 
beliebig fortgesetzt, zum Register sämtlicher unbegabter Zustände erhoben werden!) 
Der jeweilige landläufige Etat der bewohnten Erdoberfläche ist deshalb lediglich das 
folgerichtige Resultat einer unerträglich gewordenen Langeweile. Langeweile: nur als 
harmlosestes Wort! Jeder suche sich die ihm schmackhafteste Vokabel für seine 
Minderwertigkeit! (Herziges Sujet für ein scharfes Pfänderspiel!!) 
6. 
Es ist allgemein bekannt, dass ein Hund keine Hängematte ist; weniger, dass ohne 
diese zarte Hypothese Malern die Schmierfaust herunterfiele; und überhaupt nicht, 
dass Interjektionen am treffendsten sind: Weltanschauungen sind Vokabelmischungen ...
	        
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