Full text: Anthologie Dada (4/5)

Sapristi hier muss die Prozedur ein wenig erweitert werden. (Kleines Bild: leichte 
Kraneot’omie!) Nun: alle Stilisten sind nicht einmal Esel. Denn Stil ist nur eine 
Verlegenheitsgeste wildester Struktur. Und da Verlegenheit (nach kurzer Beschlafung) 
sich als perfekteste Reue über sich selber entachait, ist merkbar, dass die Stilisten aus 
Besorgnis, für Esel gehalten zu werden, sich um vieles schlechter als diese benehmen. 
(Esel haben nämlich zwei weitaus überragende Eigenschaften : sie sind störrisch und 
faul.) Der Unterschied zwischen Paul Oskar Hoeker, Dostojewskiy, Roda-Roda und 
Wedekind blaut daher lediglich in der Contenance innerhalb der besagten Verlegen 
heitsgeste. Ob einer in richtig funktionierenden Trochäen oder sonstwie bilderstrotzend 
(alle Bilder sind plausibel!) oder sozusagen naturalistisch mir vorsäuselt, dass ihm 
übel war, und, seit er es schwarz auf weiss hat, besser wurde, oder, dass ihm zwar 
wohl war (schau, schau 1), aber übel wurde, als er das nicht mehr begriff (teremtete!): 
es ist immer dieselbe untereselhafte Anstrengung, aus der Verlegenheit sich ziehen zu 
wollen, indem man sie (stilisierend, ogottogotto) — gestaltet. Grässliches Wort! Das 
heisst: aus dem Leben, das unwahrscheinlich ist bis in die Fingerspitzen, etwas Wahr 
scheinliches machen! Ueber dieses Chaos von Dreck und Rätsel einen erlösenden 
Himmel stülpen! Den Menschenmist ordnend durchduften! Ich danke! . . . Gibt es 
ein idiotischeres Bild als einen (puh!) genial stilisierenden Kopf, der bei dieser Be 
schäftigung mit sich selbst kokettiert? (Nur nebenbei: 10 centimes dem Kühnen, der 
mir nachweist, dass das Kokettieren bei Ethbolden nicht stattfindet!) 0 über die so 
überheitere Verlegenheit, die mit einer Verbeugung vor sich selber endet! Deshalb 
(dieser stilisierten Krümmnng wegen) werden Philosophien und Romane erschwitzt, 
Bilder geschmiert, Plastiken gebosselt, Symphonien hervorgeächzt und Religionen ge 
startet. Welch ein erschütternder Ehrgeiz, zumal diese eitlen Eseleien durchwegs gründ 
lich (sc. besonders in deutschen Gauen) missglückt sind. Alles Unfug! 
7. 
Die schönste Landschaft, die ich kenne, ist das Café Barratte bei den Pariser Hallen. 
Aus zwei Gründen. Ich machte daselbst die Bekanntschaft Germaines, die u. a. zischte : 
„Cest possible que je serais bonne, si je saurais pourquoi". Hämisch gestehe ich es 
ein: ich erblasste vor Freude. Und dann hat in diesem freundlichen Lokal Jean Kar- 
topaïtès, der sonst nur mit Herren ohne Stehkragen sich einliess, den Verkehr mit mir 
brüsk abgebrochen, weil ich so unvorsichtig war, den Namen Picasso fallen zu lassen. 
8. 
Ach die lieben weissen Porzellanteller! Denn . . . Nun denn: ehemals wollte man, 
was man nicht aussprechen zu können vorgab, also gar nicht hatte, malerisch vermitteln 
(juchhu ! Als ob man auch nur eine Vizekönigin fein säuberlich abkonterfeien könnte, 
wenn man nicht wüsste, dass sie kein Fauteuil ist. Siehe Hängematte 1) Wohin diese 
Sudelburschen geraten würden, wenn sie aufhörten, Oelphotos zu wichsen, war somit 
längst vorabzulächeln. (Hinter die Ohren: mehr Mädchen, bitte, mehr Mädchen 1) Aber 
die Impressionen! Nun, was ist erreicht, wenn man nach heftigem Blinzeln sich zu 
rechtbauen kann, dass jener Kartoffelvertilger auch nur eine Kühe ersah, aber erst so 
sich vorzublähen vermochte, dass es seine Kühe gewesen sei, eine ganz besondere 
Kühe, kurz: die Kuh und erlösend? (teremtete!) Aber die Expressionen 1 Haho: was 
ist erreicht, wenn man gefixt sieht, was ein Adjektiv leistet, und, da es auch diesem 
bisher missglückt ist, orientierend zu wirken, also noch ungemalt schon missglückt 
wäre? Aber die Cubisten, die Futuristen! Hoppla: die Champions dieser geradezu 
ultraviolett missglückten Pinselritte Hessen zwar ausblasen, sie würden die (puh!) 
liberatio gleichsam von der hohen Stilschaukel herab landen (Trapezritt! Trapezritt! 
Etwa so: ,Wir werden diese Verlegenheit schon schaukeln! 4 ), erreichten aber nicht 
nur, dass nicht einmal ein Chignon ins Schaukeln geriet, sondern vielmehr gerade die 
wildesten Esel in geregeltem Trapp arrivierten (O wurfbesprungener Sagot! etc. pp. pp.) 
Unfug! Unfug! 
9. 
Das unter 8 im Grunde bereits für schlecht Erwachsene geredet: Fibelhaftes, ausser 
ordentlich Fibelhaftes! Immerhin noch zur Vorsicht zu notieren, meine Kleinen: 
a. Plastik: sehr unhantliches Spielzeug, verschärft durch metaphysischen Augen 
aufschlag. 
b. Musike: Pantopon- oder Sexualersatz. (Längst unterfibelhaft!) 
c. Lyrik: ein Knabe befindet sich in der Klemme. Rezept: frage ihn, von welcher 
er träumt, und du kannst ihm sagen, mit welcher er nicht geschlafen hat. (Selbst 
verständlich befindet man sich stets in der Klemme; in der c-Klemme aber hat 
man sich denn doch nicht mehr zu befinden !) 
d. Roman und so: die Herren reden wie am Spiess oder neuerdings überhaupt 
nicht mehr. Noch ein wenig Schweiss und die Sache glückt: Belletristik' (Am 
Spiess befindet man. sich gar oft. Aber ein Samuel Fischer-Band ist ein zu zeit 
raubendes Mittel, die Luftlinie Syrakus-Butterbrot-Zentralheizung herzustellen.) 
In summa, meine Kleinen: die Kunst war eine Kinderkrankheit,
	        

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