Full text: Anthologie Dada (4/5)

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10. 
hat man nie einen Gedanken. Bestenfalls tut der Gedanke so, als ob. (Immer aber 
sein Einherredner!) Jedes Wort ist eine Blamage, wohlgemerkt. Man bläst immer 
nur Sätze zirkusähnlichsten Schwunges über eine Kettenbrücke (oder auch: SchlüchXe, 
Pflanzen, Betten). Günstiger Vorschlag: man figuriere sich vor dem Einschlafen mit 
heftigster Deutlichkeit den psychischen Endzustand eines Selbsttöters, der durch eine 
Kugel sich endlich Selbstbewusstsein einloten will. Es gelingt aber nur, wenn man 
sich zuvor blamiert. Schwer blamiert. Entsetzlich blamiert. Ganz masslos blamiert. 
So grauenhaft blamiert, dass alles mitblamiert ist. Dass jeder metaphorisch auf den 
Hintern fällt. Und niest. 
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Interjektionnen sind am treffendsten (Ach die lieben weissen Porzellanteller!)... Man 
muss diese Amphibien und Lurche, die sich für zu gut halten, Esel zu sein, zur 
Raison bringen, indem man sie ihnen austreibt ! Auspeitscht ! Man muss dieses 
schauderhafte, überlebensgrosse Ansichtskartenblau, das diese trüben Rastas an den 
He- Ho- Hu- Ha- (wie bitte?) Himmel hinaufgelogen haben, herunterfetzen! Man 
muss sein Haupt zag, aber sicher an das des Nachbarn titschen wie an ein faules 
Ei (gut gut.) Man muss das gänzlich Unbeschreibliche, das durchaus Unaussprechbare 
so unerträglich nah heranbrüllen, dass kein Hund länger so gescheit daherleben 
möchte, sondern viel dümmer ! Dass alles den Verstand verlieren und ihren Kopf 
wiederbekommen! Man muss ihnen die Pfannkuchen, die Bibelsprüche, die Mädchen 
busen, die Prozente, die Gauguins, die Rotztücher, die Strumpfbänder, die Schnäpse, 
die Abortdeckel, die Westen, die Wanzen, all das Zeugs, das sie gleichzeitig denken, 
tun und wälzen, so scharf hinter einander vor den Kinnbogen schieben, dass ihnen 
endlich so wohl wird, wie ihnen bislang bloss schwappig war. Man muss. Man muss 
eben. Teremtete! 
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Damenseidenstrümpfe sind unschätzbar. Eine Vizekönigin ist ein Fauteuil. Weltan 
schauungen sind Vokabelmischungen. Ein Hund ist eine Hängematte. L’art est mort. 
Vive Dada! 
WALTER S ERN ER 
RIESENPROQRAMM SCHLAGER AUF SCHLAGER EINZIG IN SEINER ART 
Seit der Paula Gogol eine Chaiselongue geschenkt wurde, hat sie sich selbständig gemacht, man 
kann also wieder bei ihr verkehren. Rilla-Rilla, dem diese Repetition legiert wird, hat für Quatrupet- 
hasen, Hoxschwipplinge und andere Geistportiers einen grün angestrichenen Stall errichtet, er soll 
ihn doch nur halbjährig, es riecht und überhaupt schreibt man Meidner mit zwei q. Sich ein Per- 
petuum-mobile-Trumeau anschaffen, gut, über einen grösseren Posten Waschblau verfügen, besser, 
aber Mme Ichak, weshalb tragen Sie die rote Fahne von Lugano nicht mehr, die Robe war so so f 
nun dieser Faltenwurf und jener Beistrich in der Via Nassa, am besten, (de) Fiori hat sich endgültig 
von der Rosa Bonheur befreit und er malt auch schon fast so wie Waldmüller in seinen besten Jahren, 
In Mannheim tut Lederer Moritz Herr Schreibübungen, sicherlich das Antlitz gen Osten so gewendet, 
dass der Glawatsch an der blauen Donau sein eigenes Wort nicht versteht, der Abonnementspreis 
der „Gartenlaube“ aber ist doch wieder der vor dem Krieg, man versteht also nicht, wieso. Hülsen 
beck kann natürlich nicht so viel Stahllaute von sich geben, wie es im Sinne der Erhaltung gewisser 
dünnster Erträglichkeiten in Berlin erforderlich wäre, es gibt jedoch Knallbonbons und den Inseraten 
teil des „Forum“ und ein Telefongespräch mit Gustl Pufke, Puttkammerstrasse 6/IIII ist auch etwas 
Warenhausaufträge übernimmt Golliwan, ein vornehmer Breslauer, der gegenwärtig in den wildzer 
klüfteten Bergen des Tessin die Ansicht vertritt, dass „Ave Liebknecht* nicht so fesch sei wie „Ave 
Liebesknecht“, da schaugst, Pfemfert, Sie sollten längst dem schmatzlauten Rubiner nicht alles geglaubt 
haben. Maccus -f- 31. Lesen Sie das Hirngeschwür (Verlag Mouvement Dada), der Friede ist aus. 
serner
	        
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