Full text: Der blutige Ernst (5)

XX 
Auf der Wallfahrt zum Kaisertum (Fortsetzung). 
Häßliche Oberlehrersgattinnen, schartige Pfarrerstöchter flicken 
mit kaisertreuen Händen ausgefranzte Hermelinmäntel. 
Idealische Vollbärte beweinen in den Bierschwemmen des 
deutschen Geisteslebens die Kaiserei. 
Die Hilfstruppen des deutschen Idealismus, Pfarrer, Land 
räte, Reserveleutnants, Hoflieferanten, Gemeindeboten wallen von 
den Bierbänken auf. Die deutsche Jungfreu träumt veilchenblau 
von starken Männern mit Generalstreifen. 
Oft will sie in ihrem Märchenschlaf den schlanken Ober 
leutnant umarmen, der so lieb und tapfer war und ihr vielleicht 
den Kaiser wiederbringt. Vogel hat überall Bizeps, auch im 
Nacken, das ist so süß. Wie entzückend ist das zierliche Haus- 
töchterchen, das in Not und Gefahr dem Leutnant aus der Fran 
zösischen Straße das treudeutsche Händchen zum himmlischen 
Lebensbund reichte und die gläubig-flache Brust gegen das E. K. I 
schmiegt. „Körner I“ stöhnt sie. 
Noch blustert unverdorbener deutscher Idealismus. Aller 
dings identisch mit hundsgemeiner Phrase und Verlogenheit. So 
zürnten die professoralen Denkerstirnchen im Hohenzollernmantel: 
„Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr, es ist nicht wahr!“ Die 
erlesenen deutschen Idealisten hatten sämtlich gelogen. Eine 
Folge zu tiefer Gelehrsamkeit. 
Denn im großen ganzen ernährt sich der Deutsche von 
schmutzigen Speisen, Ersatzmitteln und dicken, zähen Illusionen. 
V. 
Wir sind skeptisch, zu relativ geworden, um uns das voll 
endete Glück des guten Fürsten gestatten zu können. Die Ideo 
logie von der Masse der Kleinen verdrängte den Glauben an die 
Macht des Einzelnen. 
Der Individualismus ist beendet. Man verschone uns mit 
dem Heroenschwindel. 
Blöd, an die Verantwortlichkeit eines Einzelnen zu glauben. 
Noch blöder, die Macht einem Einzelnen zu übertragen. Wir 
sind skeptisch und möchten darum Macht sozialisiert wissen. 
Möglichst verteilt. Kein Mensch ist die Macht wert, die man 
einem Ludendorff anvertraute. Dieser Mann ist nicht zu bestrafen, 
weil er Verantwortung schuldet, sondern weil er den Irrtum be 
ging, sich solche anzumaßen. Herr Ludendorff trägt den anti 
quierten Stoff in sich, Kaiser zu werden. Denn man darf es wagen 
zu herrschen, wenn man mit mehr oder minder großer Ruhe und 
im Bewußtsein der Erfolglosigkeit Tausende zum Tode verurteilt. 
AIV„ ii.gs der deutsche Idealismus behauptet, daß Menschenleben 
am höchsten dann zu bewerten, wenn man sie massenweis ver 
schleudert. 
Wenn irgendein Mensch nur einmal gesagt hätte, was denn 
eig 'lieh Id^en sind. Worin dieser verlogene tödliche Idealis 
mus. ,estel; + , und warum man dafür Hingabe und Leben aller fordert. 
Monarchie ist, den Willen aller irgend einer Person über 
antworten, darin inkarnieren, v/ie man silberne Löffel auf Treu 
und Glauben in einem Banksafe verschließt. Wer das tut, stellt 
sich politisch unter Kuratel. Wir haben genug von schlechtbe 
zahlten Historikern, die uns die Last einer monotonen Familien 
geschichte aufladen. Wir sind gemein und verzichten auf das 
Privileg einer Vergangenheit. 
Die geschichtliche Größe, das Höhere, sind Konstruktionen 
so feiner Art, daß man entweder dumm brutal oder ein deutscher 
Philosoph sein muß, um daran zu glauben. Irgendwo deckt sich 
das. Ein alter Hosenboden Wilhelms, umgeben von seinen Pala 
dinen, ist dem Deutschen heute noch heiliges Gut. Zarte Frauen 
durchbrechen dichtes Spalier, um einen Faden davon zu sehen. 
Solcher Hosenboden erschwitzt noch immer Angstschauer über 
die gekrümmten Rücken der Deutschen. 
Der Preuße ist und bleibt Hohenzollernfetischist. 
Vorsichtig verkroch sich der Untersuchungsausschuß, da 
der hölzerne Feldwebel der desertierten Majestät Gemeinplätze 
verabreichte. 
Wo bleibt der Belagerungszustand, als Herr Ludendorff unter 
dem Schutze der Kirche und Stahlhelme gegen die Verfassung 
agitierte? Tödliche Lippen triefen von der Kanzel und erplärren 
die Rückkehr zum Kaiserreich. 
Wo bleibt der Staatsgerichtshof mit dem hochverräterischen 
Grafen Goltz, der Deutschland eine Kriegserklärung auf den Hals 
hetzte? In München wurde Blut gegen Blut ..getauscht. Herr 
Goltz steht bis zum Scheitel im Blut Hunderter schuldlos er 
schossener Letten und Esten, und seine betrogenen Söldner be 
drohen Ostpreußen. Was wird geschehen? Es ist ein Graf, 
General! 
Aengstet sich die Regierung bleich zerknüllt, uniformierten 
Hochverrätern und Bandenführern den Prozeß zu machen? 
Herr Admiral Reuter unternahm es, uns in Scapa Flow den 
letzten Torpedo in den blockierten Magen zu jagen. Wo bleibt 
die Strafe? Statt dessen toasten die Unentwegten auf die Stamm 
halter d eutscher Räuberei, und über den geklauten baltischen 
Stiefeln rauschen segnende Professorenbärte und gröhlendes Bier- 
gesapper akademischer Happoldfresser. 
All dies geschieht auf der langen Wallfahrt zum großen 
Kaisertum, dem deutschen Traum, der keinen Sechser wert ist, 
aber Millionen gekostet hat. 
Könige halten die Luft an und wittern, Wilhelm hat das zu 
gemeine Zivil abgelegt und trabt ordensbedeckt in Amerongen. 
Es lockt, die gottesgnädige Monarchie zu billigem Preis mit 
einem kleinen Krieg gegen Rußland zurückzukaufen. 
Warum auch nicht? Demokratie, Reformsozialismus und 
Kaiserei können sich bequem verschwägern. 
Antiboi kittet alles. 
Abendgesang 5 
Denk ich an mein Volk, das Hehre, 
füllet sich mein Aug’ mit Hoheit, 
Achtung, schultert die Gewehre, 
Leben soll die deutsche Roheit. 
Preuß’scher Adler geh und fliege 
um mein Schloß, das Spreegebaute, 
wo der Pförtner auf der Laute 
spielt ein Lied vom belg’schen Kriege. 
Flieg auctCum den Reichstag, Vogel, 
wo der Doktor Cohn jetzt eifert 
(wie der große Linnekogel). 
Hei wie das Gesindel geifert. 
M. des Kaisers. 
Laß nen Tropfen auf den weißen 
ersten Heldenkaiser fallen. 
Mög’ es in dem ganzen Preußen 
in den Herzen widerhallen. 
Ja, ich komme einst zurücke 
von dem Amerong’schen Schlosse. 
Käse bring ich'große Stücke 
und nen Film für Rudolf Mosse. 
Grüß mir auch Kempinskis Weine, 
den Berliner Hackebraten. 
In dem goldnen Abendscheine: 
Riesengroß sind unsere Taten. 
Denk^fich an das Volk, das deitsche, 
will mich Wehmut schier bedrücken. 
Für mein Haus und für die Peitsche 
heißt es sich mit Gott zerstücken. 
Richard Huelsenbeck.
	        

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