Full text: Der Marstall : Zeit- und Streit-Schrift des Verlages Paul Steegemann (1/2)

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Diebesehre und ihre „Zinken“ — im internationalen Verkehr, 
in den Winkeln der Hotelfoyers, und in den Speisewagen der 
Mitropa fällt die Maske des Geistes schnell, man hat zu wenig 
Zeit, um sich die Ideologie vorzubinden, die dem anderen ge 
fallen könnte. Manolescu, der große Hoteldieb, hat Memoiren 
geschrieben, die hinsichtlich der Diktion und des „esprit“ höher 
stehen als alle deutschen Memoirenwerke, die der Krieg her 
vorgebracht hat. Marinetti hat sehr viel von dem kommenden 
großen Literaturmagier, der ebensogut Golf spielt als er über 
Mallarme plaudert, oder wenn es sein muß, altphilologische 
Betrachtungen anstellt und dabei doch weiß, welcher Dame der 
Gesellschaft er ein Engagement zu zweien anbieten kann. 
In den Städten saßen sie, malten ihre Bildchen, drechselten 
ihre Verse und waren ihrer ganzen menschlichen Struktur 
nach trostlos deformiert, mit schwachen Muskeln, uninteressiert 
für die Dinge des Tages, Feinde der Reklame, Feinde der 
Straße, des Bluffs und der großen Transaktionen, die täglich 
das Leben von Tausenden in Frage stellten. Ja, das Leben! 
Der Dadaist liebt das Leben, weil er es täglich wegwerfen kann, 
ihm ist der Tod eine dadaistische Angelegenheit. Der Dadaist 
sieht in den Tag mit dem Bewuß;sein, daß ihm heute ein Blu 
mentopf auf den Kopf fallen kann, er ist naiv, er liebt die 
Geräusche des Metropolitain, er ist ein Habitue in Cooks 
Reisebureau und kennt die Praktiken der Engelmacherinnen, 
die hinter den fest verschlossenen Gardinen die Föten auf 
Löschpapier trocknen, um sie dann als Malzkaffee zerrieben in 
den Handel zu bringen. Dadaist sein kann jeder. Dada ist 
nicht auf irgendeine Kunst beschränkt. Dadaist ist der Mixer 
in der Teedielen-Bar, der mit der einen Hand Cura?ao schenkt 
und der anderen seine Gonorrhoe auffängt. Dadaist ist der 
Herr im Regenmantel, der schon zum siebtenmal die Reise um 
die Welt antritt. Dadaist ist der kleine Heini mit dem Wasser 
kopf. Dadaist sollte der Mann sein, der ganz und gar begriffen 
hat, daß man Ideen nur haben darf, wenn man sie im Leben 
umsetzen kann — der durchaus aktive Typ, der nur durch die 
Tat lebt, weil sie seine Möglichkeit der Erkenntnis in sich 
schließt. Dadaist ist der Mann, der sich im Bristol-Hotel 
eine Etage mietet, ohne zu wissen, von welchem Geld 
er dem Zimmermädchen das Trinkgeld bezahlen soll. Dadaist 
ist der Mann des Zufalls mit den guten Augen und dem coup 
du pere Fran?ois. Er kann seine Individualität loslassen wie 
ein Lasso, er urteilt von Fall zu Fall, er resigniert in der
	        
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