Full text: Der Marstall : Zeit- und Streit-Schrift des Verlages Paul Steegemann (1/2)

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Merkwürdiger Name für eine Buchreihe: Dichtung, Graphik, Essais! „Die 
Silbergäule“! „Verstehe ich nicht“, kopfschüttelt der Bürger: Und trifft damit 
sofort die ganze Falschheit seiner Einstellung. Schon hier, bei dem Namen der 
Buchreihe ist nichts zu verstehen, mit dem Verstände zu zergliedern, denkend, 
erkennend auseinanderzulegen. Schon hier ist nur zu fühlen. Fühlst du 
nichts, wenn du hörst „Silbergäule“, erschaust du nichts, wenn du liest „Silber 
gäule“? Ich fühle Heiterkeit, innere Freiheit, seelisches Gehobensein. Ich 
sehe helle, silberne Linien, in Rhythmus springend wie galoppierende Gäule. 
Das Wort „Silbergäule“ gibt meinem Innern eine Lebensstimmung, läßt mich 
erleben, daß ich da bin, daß in mir das Da-Sein das All ist. Und so ist es 
auch gemeint, das Wort „Silbergäule.“ 
Lieber Mitmensch, wenn du es nicht fühlst, du wirst es nie begreifen! Ent 
weder wird dir sofort beim Aufspringen dieses Wortes seine innere, seine 
geistige Spannung und sein Gehalt offenbar, oder du bleibst ewig stumm. Nicht 
weil — wie dein kalter, nüchterner Verstand will — etwa das Wort sinnlos, 
verrückt wäre. Sondern weil in dir nicht der Sinn, das Gefühl ist, die aller 
Kunst zugrundeliegen. Hier scheiden sich in der Tat die Geister und die 
Wege, hier stehst du, lieber Mitmensch, am Scheidewege von Impressionismus 
und Expressionismus, am Scheidewege von „alter“ und „neuer“ Kunst, obwohl 
es keine alte noch neue Kunst, sondern nur Kunst gibt; hier stehst du an 
der Grenze einer vergehenden und einer aufsteigenden Zeit, der verwesenden 
und der werdenden Menschheit. 
Wir alle erleben die schweren Erschütterungen, unter denen ein Neues ge 
boren wird. Dies Neue ist doch das ewig Alte: das rein Menschliche. Der 
Mensch besinnt sich auf sein Wesentlichstes. Auf das, was sein Leben wert 
voll macht, sein Gottsein bedeutet: auf das Gefühl. Nichts ist er ohne das 
Gefühl, nichts wird in ihm und außer ihm ohne das Gefühl. Freilich, es ist 
kein Gefühl im Alltagssinne. Sondern jenes, das atmend lebt in jedem Kunst 
werke, das von jeher aus religiöser Tiefe hervorbrach, das den Einzelnen 
verknüpft mit dem All, mit Gott: das Weltgefühl, das Schauen der Mystiker, 
die Sehnsucht der Gotiker, die Ekstase der Fanatiker, die Hingabe der Ver 
zückten. Das Allgefühl als Mittelpunkt des Menschseins, als dessen Wesent 
lichstes, weswegen allein zu leben sich lohnt, der Quell alles Schöpferischen. 
Die Jugend hat diese Klarheit im chaotischen Zusammenbruch einer auf den 
Verstand, den materialistischen Willen und den Historismus eingestellten Welt 
in sich erlebt, in sich erfühlt. Nicht erfahren nach stofflicher Bewußtseins 
methode. Sondern als Gewißheit seelisch erlebt! Getrieben von dieser Ge 
wißheit und von der Sehnsucht nach ihrer Erfüllung, lebt sie nun ausschließ 
lich diesem Allgefühl. Es ist ihr Ziel, Richtungspunkt, Anhalt, Aufgabe, Ur 
teil, Maßstab, einzige Lebensmöglichkeit: in allem, was du tust, das All fühlen 
lassen und alles, was du tust, im Zusammenhänge mit dem All, dem Ewigen, 
Unendlichen tun, das allein ist leben, ist schaffen, ist Kunst. 
Leidenschaftlichste Ehrlichkeit ist ihr bei der Offenbarung und Verwirklichung 
ihres Gefühlserlebens durch ihr Werk erste Pflicht. Alles, was hemmen, ver 
zerren, auf eine falsche Bahn schieben kann, wird bekämpft. Die schaffende 
Jugend stellt die Welt heute absolut ein auf das reine Allgefühl, auf die rest 
los erfühlte Menschlichkeit: damit muß sie revolutionär sein und wirken. 
Aus Ehrlichkeit; Aus Reife. Aus Sittlichkeit. Weil sie erlebt hat, wie jedes
	        
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