Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (2)

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ihnen in sich hat. Jedes gute neue Bild hat kubistische und 
futuristische Elemente und es ist ein Rufzeichen, dass die ägyp 
tische Kunst schon die eckige Flächenvernichtung kannte; nicht 
nur in ihren Pyramiden, die grösser sind und mächtiger als 
sämtliche Bauwerke des Abendlandes; auch in ihren Bildwerken, 
deren oft fast geometrische Auflösungen, deren unanatomische 
Gliederverrenkungen an Picasso gemahnen und konzentriert das 
enthalten, was alle wahre Grösse in der Kunst bedeutet: Stil. 
Er ist das geistige Auflösen des Gegenstandes in der Idee, um 
von ihm sich zu befreien und in ihr zu erlösen. Diese Idee, 
völlig intuitiv, ist letzten Endes ein Mysterium. Sein Vorhanden 
sein ist dann unanzweifelbar, wenn jene seltsame Ruhe über das 
Auge ins Herz kommt, die selbst ein Mysterium ist. 
Es wirkt aus den Werken Christian Schads. Dieser Maler 
hat früh den Wort- und Bildwust der Kunstmacherei von heute 
niedergetreten, indem er den Gegenstand nie fallen Hess wie 
jene aus Schwäche Zuweitgegangenen, die dem Auge eine Farben- 
und Flächenmusik machen wollen, für welche das Organ zu 
haben man sie behaupten lassen muss; vielmehr im ersten An 
fang schon ebenso wie in der ersten Reife den Gegenstand so 
aufzulösen strebte, dass es ein Exempel wird, dessen Resümee 
an den aufgerichteten Teilergebnissen sich von selbst kontrolliert. 
Die Idee ist da, denn sie ist geworden. Für jene ist sie geworden, 
weil sie da ist. Aus diesem klaffenden Unterschied steigt sich 
selbst beweisend die Kraft, sich unnahbar verhüllend die Schwäche. 
Christian Schads Kraft bewies sich, nachdem sie, gleichsam prak 
tisch sich orientierend, fast alle Stilwege sicher begangen hatte, 
um freiwillig wieder umzukehren, erstlich in einer schon weit 
zurückliegenden Arbeit, dem „Heiligen Sebastian", dessen Linien 
und Flächen zerrissen und zerhackt werden, als müsse der Schmerz 
des Märtyrers in viele kleine Fetzen und Splitter zerstücken, und 
nur die Pfeile sitzen scharf und fest. „Absalom“, der wollüstig 
gekrümmt an seinen Haaren schaukelt, ist wieder straffer und 
linearer gleich der „Illustration“ und der „Geisselung“, die um 
den stets reizenden Rythmus der Bewegung sich nküht und ihm 
bis auf die Haut der Leiber nachjagt, wo sie ihn schwarz er 
trinken lässt oder weiss verflimmern. Die „Verkündigung“, die 
die Fläche windet und wie verknüllt und so sehr viel Entgegen 
gedrängtheit und Zurückweitung aus ihr herauszieht, ist eine 
grosse Stufe, welcher, obwohl scheinbar ohne entwicklungsmässigen 
Zusammenhang, eine Reihe durchaus kubistischer Holzschnitte 
und Radierungen folgen, die dann erklärend ?upi ersten völlig 
reifen Werk führten, dem Porträt auf Seite 23. Hier ist die 
Kontur mit verblüffend sicherer Kraft zerschlagen und durch kurzes 
Zerschneiden der Linien und eckiges Auflösen der Flächen die 
unterirdische Richtung eines Gesichts so ununterbrochen herauf
	        
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