Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (2)

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„Der Strömende allein, der sich nicht staute, 
Mit süsser Hand für jeden Stahl zu leise, 
Er wird am Ende diese Welt zerschmeissen“. 
Und das war uns mehr als: Amen! Amen! und wunderwirksamer 
als aller Manifeste schielendes „Wir wollen und der bestgemeinten Kate 
chismen verhallende Vernunftsartikel. Dem letzten Thomas unter uns aber, 
der den ewigen, von Goethe her sich wölbenden Regenbogen nicht sehen 
konnte, oder der taub blieb für diese unendliche Symphonie und Noten und 
Kontrapunktik rechtens auseinanderklaviert und „bewiesen“ haben wollte, 
wussten wir vor Ergriffenheit nichts zu sagen — denn wie könnten Worte 
den berühren, der die nächste Nähe der Seelen nicht fühlt? —, sondern 
schlugen stumm Zeilen von Fechner auf, die unsre bebenden Finger unter 
strichen : „Die Geschwindigkeit der Planeten ist ungeheuer und nimmt noch 
mit der Sonnennähe zu. Wenn daher die lebendigen Planeten sich rasch 
um die Sonne oder auch um andere drehen, so muss von selbst ein Ton 
dabei entstehen, und dieser Ton muss der Bewegung entsprechend sein. 
Wenn also Engel tanzen, so komponiert sich das Musikstück von selbst dazu, 
sie tanzen dessen Klangfiguren. Dies ist die wahre Harmonie der Sphären, 
der wunderschönen Augen, der Engel“. 
Max Herrmann, Neisse. 
Franz Jung: Sophie, Roman (Verlag der „Aktion“, Berlin). Es ist 
im Grunde immer unvermeidlich gewesen und seit etwa zwei Jahren wohl 
allgemeiner selbstverständlich geworden, dass jeder neue Roman, dem 
Verlag oder besondere Umstände das Signum guter Literatur applizierten, 
an dem Titanenwerk Dostojewskiys gemessen wird. Denn hier ward eine 
Höhe erklommen, die alle noch möglichen unsichtbaren so nebenweglos 
beherrscht, dass in ihre Richtung fallen muss, wer über sie hinaus will; 
hier wurde das jüngste Mal bis in unaufspürbar geglaubte Verästelungen 
vorgeschrieben und damit dem Menschen von heute so viel mit dem Hauch 
des Allerletzten beschert, dass das Gefühl, es bleibe nur mehr zu helfen 
übrig, wie unabweisbar bleibt. So trifft jeder neue Roman in seinem guten 
Leser eine stereotype innere Einstellung an, die auf eine heilige Erfüllung 
weist und die Achseln heben darf, wenn man sie ausschalten will. Deshalb 
kann ein Romancier, der ehrlich die grosse tiefe russische Richtung bekennt, 
grösserer Anteilnahme sicher sein als einer, der anderswo hinaus will. Der 
starke Zweifel, der diesem gegenüber seine persönlich mächtige Berechtigung 
hat, wandelt sich von jenem in freudige Erwartung. Franz Jung weckte vor 
vor drei Jahren solch eine Erwartung, als sein „Trottelbuch“ erschien, in 
dem Eheerlebnisse von erschreckender Brutalität bis an die Grenze einer 
Sensibilität hin gehoben wurden, die einen Abgrund erfühlen Hess, fast 
schon sehen und begierig machte nach seinen Klüften, Klingsteinzacken und 
kleinsten Rissen. Der Roman „Kameraden“, der diesem Buch folgte, bezeugte 
auf jeder zweiten Seite, dass sein Verfasser die Therapie der Psychoanalyse, 
deren Entdeckung bis zur Heilung körperlich, wenn auch unorganisch lei 
dender Hysterischer segensvoll und epochal bleibt (bis hierher! nicht weiter!), 
wie viele andere allzu enragierte Ideenverliebte zur Methode der Menschen- 
Erkenntnis par excellence hinauftrieb. Doch der Mensch ist so tief ange 
kettet, dass es niemals eine Methode, deren Wert nicht eng begrenzt wäre, 
geben kann oder gar einen Sonderschlüssel und wenn einer so etwas zu 
haben meint, muss es ihn unehrlich machen oder verworren. Es ist darum 
ein einprägsamer Umstand, dass in den „Kameraden“ und in dem Roman 
„Sophie,“ der noch um vieles mehr psychoanalytisch basiert ist, die Stellen, 
welche die Bewusstseinsform bringen, in die das Gegenständliche, Optische, 
Gefühlte dieser Personen gerät, scharf Umrissen und hell sind, die Dialogen 
aber fast durchwegs unentwirrbar, allzu oft orphisch-lückenhaft und 
manchmal sogar recht deutlich arrangiert. Diese Mängel, die gleichwohl 
nicht ganz in das Konto der Freudschule gehören, wären wohl weniger zahl
	        

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