Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (2)

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reich und nicht so breit geworden, wenn der Verfasser die Richtung seines 
„Trotelbuches“ nicht verlassen hätte. Hier war er ungefesselt nach innen 
gerichtet und mit aller Jugendstärke bestrebt, höher, immer höher zu fassen. 
Dann trieb ihn die Hoffnung, einen neuen besseren Weg gefunden zu haben, 
anderswo hinaus. Auf einen Irrweg. Möge er zurückfinden. Und die grosse 
Richtung seines Anfangs wieder bekennen. 
Sagitta: Die Bücher der namenlosen Liebe (Verlag J. Frangois, Haag 
i. H., W. de Zwygerlaan 99). Dieses Buch, das vor seinen dumm-dreisten 
Verfolgern aus Berlin nach Holland fliehen musste, hat noch heute denen, 
für die es kämpft, nicht allzu viel Interesse zu entreissen vermocht. Der 
Grund liegt tief und an der Oberfläche zugleich. Die männliche Homosexuali 
tät, deren Verachtetsein hier durch eine erotisch-ideelle Dichtung zerschmet 
tert werden soll, ist sicherlich so wenig verachtungswürdig wie die Sexuali 
tät überhaupt. Aber sie ist Sexualität und ideell konstruiert sentimentaler 
als alle Sentimentalität; denn gerade das Mannesbegehren des Mannes ist 
am unverlogensten: der Friseur betrachtet es flott und bieder, der Geistige 
ernst und ablehnend. Beiden ist darum ein Werk, das die Verpönung ihrer 
Menschlichkeit dadurch aus der Gesellschaft schaffen will, dass es sie zum 
selbstbetrügerischen Mumpitz („Verlorenes Glück“) erhebt, unwichtig, wenn 
nicht lächerlich. Besser ungerecht verstossen, als verlogen umarmt. Gleichwohl 
bin ich weit davon entfernt, Sagittas Dichtungen verlogen zu heissen. Wer 
sein Erleben so rein persönlich zu fassen weiss, ist kein Lügner. Doch, 
dass es für ihn keine Lüge sein mag, beweist nichts weiter als einen bedauer 
lichen Einzelfall, der auf Verallgemeinerung nicht mehr Anspruch hat als ein 
Kommis, der sein Dummerchen für einen Engel hält. Der Dichter Sagitta 
aber, dem die Strophen „Wer sind wir“ und die Novellen „Fenny Skalier“ 
gelangen, ist ein Dichter. Trotz allem; und deshalb: Shakespeares „Romeo 
und Julia“ hat nicht seinen „Hamlet“ verhindert. 
Rudolf Leonhard: Ueber den Schlachten (Verlag A. R. Meyer, Berlin- 
Wilmersdorf). Auf den vierzehn Seiten eines Flugblattes etwa über ein Dut 
zend Kriegsgedichte, von denen ich nur das erste gelesen habe. Der Schlüss- 
vers, der mir lange in den Ohren hing, lautet: „Wir lieben den Krieg, wir 
wollen das Böse.“ Nachträglich bemerkte ich auf dem Titelblatt das Motto: 
„Im Taumel der ersten Wochen geschrieben — Der Rausch ist verdunstet, 
die Kraft ist geblieben — Wir werden uns wieder besinnen und lieben.“ 
Das ist keine Entschuldigung, Herr Leonhard. Wenn Sie dem Anfang, den 
ihre „Angelischen Strophen“ bedeuten, ein Weiter retten wollen, müssen Sie 
für Ihre böse Schaffensperiode ein ärztliches Attest sich beschaffen, das Sie 
für unzurechnungsfähig erklärt. Aber man wird das Attest für erschlichen 
halten. Herr Leonhard, man wird Ihnen nie wieder glauben. 
Walter Serner. 
Inhalt der vorigen Nummer: 
Ludwig Bäumer: Somnium mortale; Max Herrmann: O läg ich herz 
los; Else Lasker - Schüler: SennaHoy; Angela Hub er man: Der 
Weg; Walter Serner: Inferno; Walter Serner: Goethe und Napo 
leon; Leo Sternberg: Erwachen; E. Woronow: Der wahnsinnige 
Pierrot; Rabelais: Wie Stehauf, der Philosoph, die schwierige 
Heiratfrage behandelt. 
Mit einem Originaiholzschnitt von Christian Schad.
	        

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