Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (2)

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trächtig, so jonglieren sie mit dem Intellekt. Und eine hämische 
Befriedigung, die nicht ihresgleichen hat, überrieselt sie, wenn 
es ihnen gelingt, dem andern keinen Anhaltspunkt zu geben oder 
ihn zu nasführen, denn es ist ihnen Menschenwürde und Meister 
schaft zu tun, als wüssten nur sie allein, worum es geht, als 
stünden sie fest und hätten einen Punkt. Und fühlen doch auch, 
wenngleich in Tagen nur oder Sekunden, dass sie Stückwerk 
sind und schuldbeladen und verzweifelt und tiefinnen voll einer 
seltsamen Furcht. Aber sie übergaukeln dieses bohrende Fühlen, 
sich selbst und vor den anderen und die andern tun ebenso. Und 
so lauern sie einander in die Gesichter, peitschen ihre gestellten 
Masken von Stufe zu Stufe, um gelb vor ihrem Tiertum einhalten 
zu müssen oder mit höhnender Hand ihre Glätte zu servieren und 
ihre feste Haltung, wenn ihnen der böse Triumph ihres ohn 
mächtigen Spiels misslang. 
Auch die es erkannten, vermögen nicht, es aufzugeben. Denn 
es ist übermenschlich. Und wenn auch ein Gesicht nicht lächelt, 
wenn es lächelt und wenn es trauert, nicht trauert, so lächelt 
und trauert es doch und noch der Schmerz dieser Schwäche, der 
Verwirrung schaffen muss, hat seine Mimik und schliesst den 
Zirkel. So schiebt zwischen Menschen, die sittliches Erkennen 
erhob, die Ohnmacht immer wieder ihr Spiel und je tiefer das 
Erkennen war, desto grausamer wird das Spiel; denn für den 
Guten beginnt das Böse dort schon, wo der Böse sich noch gut 
glaubt und ein fast unmerkliches Kräuseln der Lippen, das über 
einer Allzumenschlichkeit entsteht, ekelt ihn ebenso wie es den, 
der es beging, mit Hass erfüllt. Und das Böse ist da und die 
Schuld. Beide wollten es nicht und da sie es nicht ungeschehen 
machen können, verstellen sie sich aus Verzweiflung. Es ist die 
furchtbarste Verstellung, da sie das gross und ganz Erkannte ver 
stellt und ist doch die menschlichste: sie schlagen sich vor die 
Stirn und lachen, toben, schimpfen, schreien, werfen alles um, 
Worte und Dinge, weinen und betteln und möchten ein Tier 
töten oder einen Menschen oder den andern und wenn ihnen 
Entsetzen in die Lunge bricht und die Brust zu zersprengen 
droht, heucheln sie Irrsinn, grimassieren, tanzen und lallen. Und 
niedergebrochen glotzen sie auf die zuckenden Hände und fühlen 
brennend, dass die Last, mit der sie nun wieder ausgehen müssen, 
sich zu finden, drückender geworden ist, dass es immer schwerer 
wird und hoffnungsloser. Aber was über ihrem Ringen ersteht, 
ist die Demut vor dem eigenen Menschsein und vor dem der 
andern. Sie hoffen nicht mehr, ein Lächeln zu sehen. Hier ist 
alle Sehnsucht zu Ende. Und nur aus jener Tiefe, in der, was 
Geist ist, sich zum Glauben läuterte, steigen einsame heilige 
Stunden, da nichts mehr Ausdruck wird oder Wollen und wie 
nach innen gerissen sinkt es tief hinunter und zugleich weit hi
	        
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