Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (2)

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naus: eine grosse schwere Erstarrung. 
Wessen Gesicht sie einmal erlebte, ist unheimlich für die 
andern und heimlich gezeichnet für den Gezeichneten. Er ver 
liert Form und Bewegung aus dem Auge und weiss, dass eine 
hohe Stirne, ein schöner Mund erst nachher mitbeweisen, dass 
ein mimisch zerstörtes Gesicht noch einem Besseren gehören 
kann als ein glattes, das oft von dem bleichen dünnen jenes 
Geläuterten nicht sofort zu unterscheiden ist. Und es gibt Tage 
für ihn, wo jeder ein dummes Gesicht macht. Er sieht keine Ge 
sichter mehr. Er sucht das Gesicht. Und er findet es: einmal 
in einer grossen Stadt auf einer Strassenbank, in der Dämmerung, 
wie es geradeaus starrt und angesprochen plötzlich fort ist; oder 
nach einem langen Gespräch, das aus zwei Monologen bestand, 
in einer kleinen Kneipe, wenn lange schon geschwiegen wird 
und die Stille dick und saugend ist und der Lärm wie eine Mauer 
um sie; oder an einem Totenbett. Und er schaut auf dieses 
Antlitz wie durch alle hindurch und wie durch sein eigenes und 
die quälende Starrheit der Ewigkeit ist ihm erlösender als alles, 
was Spiel ist und Ohnmacht und böse. 
Walter Serner. 
Nächtliches Dorf 
Totenstille weit im Raum. 
Dunkle Dächer sind wie Mützen, 
Unter denen müd vom Traum 
Blind und stumpf die Häuser sitzen. 
Selbst die Kirche auf dem Hügel 
Glotzt verschlafen in die Nacht. 
Englein hängen jetzt wohl Flügel 
Und ein hölzner Heiland wacht. 
Ernst Frey. 
Das gemeinsame Mittagessen war schon beendet, als Frank 
aus dem Gymnasium nach Hause kam. 
Ernst stand auf der Strasse im Sonnenschein, an die weisse 
Mauer gelehnt und haschte Fliegen. Ein heimtückisches Grinsen 
schien sein Gesicht zu entstellen. Franks Augen wurden unsag 
bar hilflos. Wie gehetzt lief er durch die Bierstube, in der seine 
Mutter über einem Buch sass, das sie hastig mit schmerzlicher 
Heimlichtuerei im Pult verschloss. Er höite Ernst, einen Gassen 
hauer pfeifen. Dann stürmte er die Treppe hinauf.
	        
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