Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (4)

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dass das Quattrocento seiner Malerei, die Antike ihrer Plastik 
wegen kulturvoller genannt wird als andere Jahrhunderte, während 
Michelangelo schuf, als verbrecherische Päpste lebten, und Phi- 
dias, als das Volk Sokrates töten Hess. Der Unsicherheiten 
würden nur desto mehr, je weiter das Denken in die Geschichte 
zurückgriffe. Der Gegenwart zugewandt, findet es, dass jeder 
Dritte Goethe kennt und jeder Fünfte auf Menschen schiesst, dass 
dieselbe Zeitung mit denselben Lügen, die sie unterm Strich ver- 
läugnet, im Hauptteil hetzt, dass in Städten, deren Jammer nie 
grösser war, Schwänke gespielt werden, dass in Kirchen Priester 
für den Mord plädieren, ohne dass die, welche das Evangelium 
lasen, aufschreien, dass ein Zustand, der niemals seinesgleichen 
hatte, der kultivierteste sein will. Kann er das letzte Lob, das 
er sich selbst im grössten Masse zuspricht, erhalten? Winkt hier 
ein Ziel? Kultur? Das Wort ist fort, doch sein Begriff ist da. 
Kultur ist Moral. Es kann nicht zufällig sein, dass die 
deutsche Sprache für den Begriff, der den höchsten Wert bedeutet, 
kein eigenes Wort hat; dass allem, was ihm als Ausdruck dienen 
soll, Nebenbegriffe untergeschlüpft sind, welche dahin führen, wo 
Sittlichkeit ein Verein ist oder juristischer Jargon, und an jene 
Strassenecken, wo Sitte zum Angstruf derer wird, die dem Ur- 
begriff dieses Hohnwortes näher stehen als dessen Verwalter. 
Wird ein Begriff in der Sprache obdachlos, so fehlt er ihrem 
Volk. Er flüchtet in ein fremdes Woit, das ihm jene bereiten, 
für welche er noch da ist. Die übrigen aber, für welche er nicht 
mehr da ist, bereiten ihm ein anderes, in dessen schwanken 
Grenzen alles Platz hat, was ihn ersetzen soll, und das darum 
nichts sagt und alles bedeutet. Derselbe Weg, der vom vorhan 
denen Begriff zum fremden Wort führt, muss darum auch um 
gekehrt zurückgelegt werden. Ihn zu gehen vermag nur, wem 
zur Sprache auch der Geist, der sie ist, gegeben ward. Ihm 
redet er das Wort und ist Wahrheit. Den andern ist es klingende 
Schelle, die jeden Weg verläutet. Ihnen tönt das leere noch 
voller als das volle, das für sie auch leer ist und wenn hier 
Kultur genannt wird, so könnte auch Moral gesagt, wenn Moral 
gesagt wird, auch Kultur genannt werden. Welch eine Berührung! 
In ihr springt eine Perspektive auf, die in gerader Linie dort 
endet, wo die Granaten platzen. Nur die Phrase, die am tiefsten 
schuldig macht, weil sie wider den Geist ist, kann solch ein 
Unheil gebären. Nur wer ein Wort ausspricht, das ihn nicht so 
klar erfüllt, dass es ihn erschauern macht, vermag den Mord 
sich befehlen zu lassen. Nur wer vor dem Wort stumpf ist, 
bleibt es auch vor der Tat. Und nur eine Menschheit, deren 
höchstes Gut eine Kultur ist, die sich zusammenschiesst, hat 
Kultur. Denn sie hat keine Moral. Sie hatte sie nie, weil sie 
Kultur hatte. Für die unermesslich durch Jahrhunderte gehäufte
	        
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