Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (4)

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Schuld dieser Phrase blutet sie nun wie nie zuvor. Und sie 
wird einmal an ihr verbluten, wenn sie nicht anfängt, das Wort 
zu erleben, bevor sie es ausspricht, wenn sie nicht aufhört, es 
auszusprechen, weil andere es ausgesprochen haben, wenn sie 
nicht vor ihrem Hauptwort Kultur, in dem alles zusammenrinnt, 
was Phrase ist, Entsetzen erfasst. Dann ginge es von Wort zu 
Wort. Eines um das andere bräche nieder und zugleich die Tat, 
die es ward. Und auf diesem Schutt, der alles Leere, Laue und 
Lügenhafte unter sich begrübe, stünde der Mensch und hätte nur 
noch sein Kreuz. Dann hätte er Moral. Denn sie ist das wahre 
Wort und seine Tat. Sie ist das Erleben der Schuld, welche jede 
Tat ist, der ein dumpfes Wort Antrieb war, und welche jede 
Tat wird, der das Wort fehlt. Darum hat, wer dieses Erlebens 
voll ist, tiefsten Abscheu vor jenem Wort und tiefste Scheu vor 
dieser Tat. So lebt er zwischen der Verzweiflung hinter seinem 
Abscheu und der Angst vor seiner Scheu. Die Last dieser Qual 
vermag er zu tragen, weil an das Wort, zu dem ihm der Geist 
nicht gegeben ward, zu glauben, der Geist, der ihm gegeben 
ward, die Kraft gibt. 
Die sie nicht zu tragen vermögen, kennen sie nicht. Ihnen 
wird die Tat ihrer Phrase weder Schuld noch Abscheu. Und 
ihre Phrase sollte sie da beunruhigen? Wie weitab sind sie vom 
Wort. Und noch heute, da sie für die Kultur, die gegen dieses 
Opfer sein müsste, wenn sie Moral wäre, die Moral opfern, 
sprechen sie von Kultur. Sie entrüsten sich über die Zerstörung 
einer Kathedrale, deren Kultur darin bestand, dass sie, ein stei 
nernes Gebet, alle Qual nach oben trug, statt über eine Kultur, 
deren Kathedrale ihre Zerstörung nicht zu verhindern vermochte. 
Wo ist die Qual geblieben? Sie war nicht da, als die Kathe 
drale stand, und die Entrüstung, als sie fiel, war nur wieder die 
Phrase, in deren Namen man sich entrüstete. Nur wo die Qual 
so klein ist, kann die Phrase so gross werden. Und auch hier 
ist es nicht zufällig, dass die Fassaden, deren Stil von Stock 
werk zu Stockwerk sich ändert, so zahlreich sind und keinen 
Stil aufweisen, der einem andern inneren Zustand entspräche als 
dem, der fremde Stile braucht. Der Parthenon war der selbstän 
dige Ausdruck einer niedrigen Freude, die ihre Götter auf Erden 
hatte, die Pyramide der einer Qual, die gigantisch nach oben 
stieg. Heute ziert der Akanthus Litfassäulen und es gibt in Deutsch 
land einen Friedhof, auf dem eine kleine Pyramide als Grabstein 
steht. Nicht erst des Kriegs bedurfte es, um auch den Tod, nicht erst 
zerstörter Kathedralen, um auch das Leben als Phrase zu erleben. 
Es wohnt lieber in einer gothischen Schlosskemenate, die ihm die 
innere Leere mit einem dumpfen Gefühl stopft, als in einem 
kahlen Zimmer, in dem einer Gedanken haben muss, um die 
äussere Leere zu ertragen. Es hält sich Museen und Sammlungen
	        

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