Volltext: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (5)

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ganze Gesicht zuckte. Doch noch bevor die ersten Tränen 
kamen, lief sie davon. 
Er überlegte ärgerlich, ob er ihr nicht nacheilen sollte, als 
er sah, wie sie vor einem Laden stehen blieb und an ihrer 
Frisur nestelte. Er fühlte, dass sie ihn herankommen lassen 
wollte und trat rasch hinter sie, plötzlich ganz heiter. In einem 
Spiegel sah er sie ihm freudig zulächeln. Oder war es nicht 
höhnisch . . . ? Seine linke Wange kniff das Auge zu. Ein 
kurzer Ekel . . . 
Sie wirbelte sich herum und packte seine Arme, liess sie 
aber schnell wieder frei: „Was, ich bin ein tolles Tier . . . 
Kommen Sie, da drüben ist eine Konditorei, eine lauschige, 
haha . . .“ 
Drinnen sassen sie neben einander. 
Es roch sehr säuerlich nach Staub und Spülicht. Irgendein 
hämmerndes Geräusch schwoll an und war langsam nicht mehr da. 
Er betrachtete, während er trank, mit grosser Anspannung 
einen Oeldruck an der gegenüberliegenden Wand, ohne ihn zu 
sehen. 
Er hatte den Eindruck, als wollte Sascha aufstehen, und 
machte eine Abwehrbewegung. 
„Ja? . . .“ Ihre Stimme war eine Gewährung. Sie lächel 
te überall. 
Er musste den Atem zurückhalten. Dann liess er ihn 
gleichgültig entweichen. Er wunderte sich, dass er so unbewegt 
auf Saschas glänzende Augen sehen konnte. Ist es nicht immer 
verloren, dachte er, alles spielt mit. Seine Brauen gingen zu 
sammen. „Nichts." 
Saschas Rücken wurde rund und liess sich in das Sofa 
zurückgleiten. Sie fühlte plötzlich ihren Körper nicht mehr. 
Das brachte eine seltsame Lustigkeit über sie. Sie lachte mit 
dem Atem: „Waren Sie schon einmal dankbar?“ Woher kommt 
mir dieser Spott, war es ihr schmerzlich. Miteins aber war sie 
mit sich sehr zufrieden. 
„Waren Sie noch nie darüber verwundert, dass es im 
Grunde keine Dankbarkeit gibt?" Sein Gehirn fühlte er wie 
^ sprungbereit, eine leichte Hitze im Hals. 
Sie zögerte und vermochte doch nicht, über die Frage nach 
zudenken: „Vielleicht . . ." 
„Es kann ja gar keine Dankbarkeit geben. Dankbar sein 
heisst ja doch, dafür, dass man . . .“ Da kam Ekel in ihm 
hoch. „ . . . ach wozu . . . alles ist ja nur Betäubung . . . “ 
Kaum hatte er geschwiegen, als er sich schämte. Ein wei 
ter Unwille ergriff ihn. Er konnte ein breites Grinsen nicht unter 
drücken und litt unsäglich. 
Sie hatte die Empfindung, als fiele sie durch das Sofa
	        
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