Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (5)

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hinab, tief hinab. Als die Empfindnng schwand, erinnerte sie 
sich, dass sie als Kind häufig so geträumt hatte. Dann begann 
sie zu zittern: Betäubung? und sagte ganz weich: „Aber wir lie 
ben uns doch ..." Im selben Augenblick bekam ihr Blick 
etwas Freches, fast Wildes. Und wurde sofort wieder sanft. 
Ihm blieb dieser Blick ... Er hörte ihn noch. Aber das 
ist es ja gar nicht, dachte er, nein . . . Irgendwo draussen 
über den Häusern, platzte da nicht eine winzige silberweise Ku 
gel ? ganz schrill und spritzend ? Da kam es ihm so, als 
müsse er jetzt sehr laut lachen, um sich auszuhalten, oder sehr 
laut in die Hände klatschen. Aber ein kleines Lächeln huschte 
weh unter seine Nase und löste alles auf. 
Sie nahm sich dieses Lächeln und warf die Hände hinüber 
an seinen Hals. Die Bewegung riss sie fort. Sie krallte sich 
fest. Ihr Atem flog an seinem Mund empor, heiss und schnell. 
Sein Kopf fuhr fast verstört nach hinten. Sein Körper er- 
. schrak hinterher. 
Ihre Arme zuckten ihn noch einmal jäh heran. Dann 
glitt sie auf seine Schenkel nieder. . . Zur Ablenkung, ja, . . . 
Sie wollte nachdenken, alie Möglichkeiten genau erwägen. . . 
Aber es rieselte durch sie, floss wie . . . wie Marzipan. . . Sie 
horchte überrascht in sich hinein und sagte mehrmals hinter ei 
nander mit den Lippen: wie Marzipan . . dann neben einander 
. . . ihr schwindelte . . . 
Er bemühte sich, kaum zu atmen: wenn ich atme, ist es 
schwerer, fühlte er. Seine Hand lag auf ihren Schläfenhaaren. 
Die halb verhinderte Berührung mit ihrer Haut verursachte ihm 
ein solch absonderliches Gefühl, dass er Sascha umfasste und 
hob. 
Sie schob die erregten Hände auf die Marmorplatte und 
kurze Zeit schien es, als wollte sie die Stirne dazwischen 
legen. Die schlaff nach unten drängenden Lippen verrieten, dass 
sie etwas Böses hatte sagen wollen. Dann schnellte sie auf 
und eilte hastig fort. 
Ihm war es, als hätte sie ihn beschimpft. Doch schon 
kam der Aerger darüber und liess ihn alles abschütteln. 
Als sie zurückkam, stand er vor dem Oeldruck und wandte 
sich schnell nach ihr. Er erstaunte darüber, nicht zu wissen, 
warum er den Tisch verlassen hatte. . . 
Das Licht draussen war ganz weiss und versengte. 
Er musste sie einholen. 
Sie erschien ihm so fremd, so unbeweglich, so schmerzhaft 
fahl. Er schluckte. Dann sah er die Entgegenkommenden an. 
Hilflosigkeit und ein undeutlicher Zorn durchwogten sie. 
Langsam spann sich das seit Tagen Erlebte herunter. Sie ver 
suchte, über sich zu lachen, dann zu weinen, zuckte die Achseln
	        

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