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des Optischen, die in der Zeichnung die Reinheit der Handschrift
bedingt, ist für Daumier darum bestimmend gewesen, ja seine
künstlerische Prämisse, und es ist ein tiefer Aufschluss, dass
sein Christus ans Ende fiel. Hier war es aus. Dort war die
Weite für den Niederschlag. Es ist grotesk, den Griffel Daumiers
als illustrierenden Journalismus verunglimpft zu wissen zu
gunsten einer Malerei, die teils marastisch ist, teils seminarhaft
rangiert wird. „Oedipus“, „le meunier“ und „la Republique“
sind durchaus bedeutungslose Bilder, während dort, wo die
Linie erscheint, sofort auch die Kraft zu spüren ist. Die „Noc-
tambules“ erwecken die bohrende Sehnsucht nach der Zeichnung,
und „le malade imaginaire“ (der in der Sammlung Mme. Esnault-
Pelterie in Paris, nicht der bei Bureau) ist fast das Todesurteil
der Malerei: was hier erreicht wird, ist farblos, und die souve
räne Verachtung malerischer Dinge hebt die wollüstig-entsetzens
volle Perspektive dieses Sujets an die Schwelle des Gedanklichen,
wo sie mit einem Blick stehen bleiben muss, der zutiefst
erschüttert. Die michelangelesken Croquis sind solch
unterbliebene Bilder, und Honore Daumier selbst ist ein unter
bliebenes Buch. Er war ein Denker, dem die mentale Form
versagt und in die der ach so relativen Optik verdrängt ward.
Darunter litt er wie kaum einer vor ihm, und darum wurde er
einer der abgründigsten Zeichner nach Rembrandt und der Grosse,
dessen „Nous voulons Barrabas“ kommenden Geschlechtein das
Malen für immer verleiden könnte.
Walter Serner
Die Sterne, an die wir glauben, sind das Fünkchen Liebe,
mit der wir unsre Welt aufbaun. Denn sie ist die wirkliche.
Wie gross ist der Mensch, wie klein sind die Sterne.
Der Mensch ist der Mund des Herrn, die Sonnen sind das
Hohelob des Gehorsams. Aber die Sterne sind das Glück aus
Demut, nur die Erde sträubt sich in ihren Bäumen und atembe
gabten Wesen, sie selbst zu sein. Jeder Wurm, der den Boden
bekriecht, die Hündin, die um ihre Jungen herumschnuppert, der
Geizige, der den Eintrag beriecht, wollen alle ihr Anders. Jeder Le
bendige, der sich beruhigen kann, ist ein Schmarotzer, bloss ein Ha
bicht darf in Herrlichkeit über allem Unerwognen sieghaft fliegen:
der Verstand. Aber der Verstandbegabte ist erkenntlich am
unwirschen Aeckerbeblicken. Doch ist der Mensch der Weg zu
den Sternen, denn er erkühnt sich, Ruhe zu verbreiten.
*) Aus dem Buch „Mit silberner Sichel“, das kürzlich im Hellerauer
Verlag in Dresden-Hellerau erschienen ist.