Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (5)

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schlichthin genialisch beschworen war ohne Pose und Verrenkung, feierte in 
den gepriesenen Büchern der Zeit umso geschminkter und mit desto falscheren 
Brillanten behängen des Gruseins Gaukelfechterei einträglich Orgien. In 
diesem Hexensabbath der günstigen Konjunktur bildeten Gustav Meyrinks 
Erstlinge, Skizzen des Haarsträubens, sympathische Boten besserer Absicht, 
trotz der Saloppheit im Ethos, der Gelecktheit des motorischen Apparates 
und etlicher selbstgefälliger Spiegelpromenaden, weil sie Wert legten auf 
peinlichste Akkuratesse ihrer Form, (die sie sich mit vollem Bewusstsein 
nicht sehr hoch wählten, aber dann adäquat inne hielten), und nicht aus 
der Berechnung und aus der Hand kamen, sondern aus dem Willen und 
aus dem Hirn. Wieviel von diesen Verheissungen zur Bestätigung reifte, 
soll jetzt Meyrinks Buch offenbaren. Das stellt sich das Problem dort, wo 
der Zuschneider der Gattung bei fast gleicher Stoffwahl kaum ein Agens 
vermutet, geschweige denn auch nur den ersten Ruck des Antriebes gestal 
ten könnte. Das Niveau ist betont genug : nicht schreckhaftes Gepolter mani 
pulierender Puppen im handfesten Raume, sondern atemlastende Vorgänge 
auf jener Tiefenbühne, die hinter unsern geschlossenen Lidern lauert. Aus 
Hinüberdämmern in traumumtrümmertes Prag, aus dem ohnehin ängstenden 
der Wirklichkeit steigt die Leiter der blanken Schwerter hinan, von Ekligem 
umwimmelt, kleinem eckigschlürfendem Alpgekicher benagt, bis der jähe 
Sturz kopfüber in den unergründlichen Strudel und ein schales, wie betäubt 
flaues Wiederauftauchen am alten, doch so veränderten Ufer mit einem 
annehmbaren Akkorde das Karussell zum Stehen bringt. Dabei gibt es oft 
unvermittelten Tempowechsel, und die Länge der Tour stumpft die Reibflä 
chen merklich ab. Man wird in jenen anhaltenden, dem Unbewusstsein 
nahen, alles zu einem Grau vermischenden Schwindel gekurbelt, aus dem 
sich erst nach geraumem Hinschwanken auf dem Heimweg zum solider 
fundamentierten Vaterhause als bleibend so ein paar hohe Bilder lösen: der 
gierige Taubstumme, tappend um den rothaarig aufreizenden Judenbalg, die 
Stimme einer durch wundersames Verhängnis Geliebten aufklingend zum 
Echo eines Lustmörders Martyrleib, das übermenschliche Fanal eines Hasses 
durch alle Sphären, und die ganze Grundstimmung eines vielhäutigen Kosmos 
der Wesensvertauschung, Ichspaltung, Panik, logischen Teufelei. Aber am En 
de behalten die Mathematiker sozusagen Recht, die Welt wird nicht „kaputt 
gedacht“ und zugunsten lotrechter Komposition wird aus Hölle und Himmel 
ein Kompromiss und ein unverbindliches Tableau. Auch stellt ein sozusa 
gen „Pschütt“-naher Beisel-Witz immer wieder Jovialität her, und die Er 
schütterung bleibt aus, die ein Humor erregt hätte, der bis dorthin sich 
wagt, wo der grösste Schreck und die grösste Geborgenheit eins ist. 
Max Herr mann (Neisse) 
Im Hellerauer-Verlag in Dresden-Hellerau sind erschienen : 
Paul Claudel: Der Ruhetag. 
Paul Adler: Nämlich. 
Paul Adler: Elohim. 
Inhalt der vorigen Nummer: 
Walter Serner: Kultur; Graphik; Peter Altenberg: Fischfang; 
Alfred Wolfenstein: Zank zwischen Freunden; Max Herrmann 
(Neisse): Kreuzweg; Leo Sternberg: Nebel; Aphorismen von 
Blaise Pascal und Georg Christoph Lichtenberg; Bücherbespre 
chungen; mit einem Originalholzschnitt (Vor dem Ballett) von 
Christian Schad.
	        
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