Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (5)

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wollten. Diesen Mordversuch als Rache für den Verrat an einer 
Idee zu deuten, geht nicht an, da die Weiber Marie Antoinette 
hatten töten wollen, gäbe man ihnen kein Brot, aber Beifall klatschten, 
als Lafayette ihr auf dem Balkon galant die Hand küsste. Jedes 
einzelne Weib fühlte sich von diesem Kuss geküsst und so 
wurde der Hunger, der eben bereit gewesen war zu morden, von 
einer Befriedigung, die dem Schoss zuteil ward, noch ein 
mal besänftigt. Ein jämmerlicher Anfang für eine grosse Revo 
lution. Wäre jetzt den Schreihälsen etwas zu schlucken gegeben 
worden, die Revolution hätte vermieden werden können. So 
nahmen denn die .Männer, die nicht mit Gesten sich abspeisen 
Hessen, die Bastille und die Frauen den König gefangen. Der 
Postmeister in Varennes, der den König erkannte, wäre ohne sie 
machtlos gewesen. Aber noch als sie vor die Pferde sich warfen, 
nannfen sie ihn ihren guten dicken Papa, den sie gern hätten am 
Leben gelassen, wenn er sie nur besser regaliert hätte, und als 
sein Kopf fiel, weinten viele von ihnen. Olympe de Gougez, 
eine der hitzigsten republikanischen Schreierinnen, jammerte er 
schon vor dem Konvent, dem sie sich erbot, den König zu vertei 
digen, obwohl sie wusste, dass sie dadurch ihren Kopf gefähr 
dete. Um das Menschliche zu glauben, dürfte man ihr republi 
kanisches Feuer nicht bezweifeln können. Es ist ein Wider 
spruch, der dadurch entsteht, dass das Gegensätzliche je ein Zu 
viel enthält. Er wird noch deutlicher in Theroigne de Mericourt: 
die heissblütige Flämin, welche das königstreue flandrische Re 
giment zu überreden wusste, die weisse Bourbonen-Kokarde mit 
der revolutionären Trikolore zu vertauschen, wurde irrsinnig, als 
ein paar neidische Weiber und deren Kumpane sie im Tuilerien- 
garten umzingelten, ihr die Röcke hoch hoben und sie auf 
den nackten Körper prügelten. Was einen Mann nur noch lei 
denschaftlicher emporgetrieben hätte, raubte ihr den Verstand, 
der unter einer unkörperlichen Demütigung nicht hätte zusammen 
brechen können, wäre er wirklich einer gewesen. Die Frau, deren 
Körper die Soldaten überredete, ging an ihrer Scham, die gleich 
falls keine war, zugrunde. Madame de Stael, die Napoleon aus 
Frankreich verbannte, da er sie für gefährlicher hielt als ihre Bücher, 
blieb dadurch vielleicht ein ähnliches Schicksal erspart. Sie hätte 
es gerechtfertigt. Man brauchte nicht zu wissen, dass ihre Bü 
cher ohne Rousseau, Montesquieu, de Narbonne und besonders 
ohne den genialischen Benjamin Constant ganz anders oder über 
haupt nicht geschrieben worden wären, auch nicht, dass diese 
Salon-Trikoteuse schliesslich Royalistin wurde; um von ihrer 
hysterischen Richtungslosigkeit, die ihr auf dem brennenden Bo 
den von Paris zumindest ein groteskes Ende gebracht hätte, über 
zeugt zu sein, genügt es, eines ihrer so gern kolportierten Bon 
mots gehört zu haben. Um wieviel besser waren nicht jene
	        
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