Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (7)

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Gespräch 
„Guten Tag. Wie geht es? Netter Trödelladen. Das halten 
Sie aus? Schmeissen Sie doch den Kram raus! Oder noch 
nicht bezahlt? Tja . . . Uebrigens, ich ging gerade unten 
vorbei, als mir einfiel, dass Sie da in der Nähe wohnen. Was, 
Sie wundern sich wohl, dass ich mittags zu nachischlafender 
Zeit herumgeistere? Tja, es ist doch sonderbar; wenn man sich 
mal vor dem Einschlafen ernstlich vornehmen muss, zeitig auf 
zustehen, kann man überhaupt nur ein paar Stunden schlafen. 
Ich war schon um zehn Uhr im Cafe. Phantastisch! . . . Hören 
Sie, heiter . . . Um vier Uhr werde ich bei Herrn Brecher sein, 
Samuel Brecher, Handschuhengrossisten in Charlottenburg, Besitzer 
einer wunderschönen Tochter, die nicht Klavier spielt, obwohl 
sie es miserabel kann und überhaupt so leicht orientalisch träg 
und weich . . . Impression Harem, angenehm entfernt . . . 
Und wenn man sich retiriert und dabei die erforderliche Vorsicht 
ausser Acht lässt, kann man in der Küche ein Dingerchen seinem 
Zweck zuführen, also . . . Sie müssen schon entschuldigen. 
Wissen Sie, wenn man wie ich oft tagelang daheim hockt und 
Papier beschmiert, ohne mehr als Guten Tag und Guten Abend 
zu sagen, dann ist man Sklave seiner Zunge, die man hopsen lassen 
muss wie ein Füllen, das endlich auf die Wiese gelassen wird. 
. . . 0, Sie sind sehr blass. Sind Sie vielleicht krank? Nicht? 
Sehr angenehm. Man macht ja doch stets unglückliche Figur 
vor fremdem Leid. Sie müssen wissen, parate Sätze liebe ich 
über alles. Man geniesst sich da viel mehr . . . Na, was sagen 
Sie ? Da haben wirs. Wie eine Kompagnie verprügelte Mäuse! 
Und da soll ein besserer Mitteleuropäer Mitleid haben. Orjelei! 
Berlin ist noch nicht stubenrein . . . Apropos. Ich erinnere 
mich, dass Sie auch in der Nacht, als wir uns im Cafe kennen 
lernten, sehr schweigsam waren. Nur fiel es mir damals nicht 
so auf, da wir zu sechst waren. Aber auch die andern Male 
waren Sie nicht gerade redselig. Ich hatte mir vorgenommen, 
Sie einmal aufzusuchen. Sie haben nämlich so etwas Mönchisches. 
Ich assoziiere unausweichlich Lavendl und Anis in Ihrer Nähe. 
Apropos Schweigen. Wissen Sie, die alten Sprichwörter haben 
den Vorteil, dass ihre Wahrheit über den Leisten nicht hinausgeht. 
Ich meine, sie fangen vom Schuster aufwärts an, falsch zu sein. 
Auf einem gewissen Niveau, vous comprenez, n’est ce pas? 
fängt alles an, relativ zu werden. Auch das Schweigen. Gewiss, 
es wirkt im Anfang, speziell bei sachgemässer Inszenierung, 
kollossal, im Superlativ sogar heillos respekterzeugend, ja uner 
hört einschüchternd. Aber es ist dennoch zeitlich, seis auch 
individuell, scharf fixiert. Wird diese Linie jeweils überschritten, 
so wird bestenfalls bloss der Abbruch menschlicher Beziehungen
	        
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