Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (7)

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ist drei Uhr. Haben Sie schon gegessen? Nicht? Keine 
Münzen? Geht mir genau so. Glauben Sie, ich Hesse mich 
durch einen Geburtstag im Hause Samuel Brecher abhalten, 
Spreeanglern zuzusehen, wenn ich mir nicht wieder mal so was 
wie eine Mahlzeit in den Bauch bauen müsste? Rauchen Sie . . . 
Bitte , . . Langerprobtes Mittel gegen unbefriedigte Magensäfte. 
Nicht? Also ein wild Gestufter. Oder kultivieren Sie mit Fleiss 
Hunger? Gewiss, enormes Stimulans, das nur den immanenten 
Nachteil hat, schliesslich das Herz zutote zu kitzeln. Im Grunde 
sind die Hungerneurosen der Geistigen ein internationaler Skandal. 
Und das Malheur ist, dass der Sozialismus für uns gar keine 
Hoffnung ist. Gleichheit! Stiefel! Die Natur ist aristokratisch. 
Solange die Geistesaristokratie an dem täglichen Problem kratzt, 
wie ein Kaffee zu erschieben ist, ist es immer noch besser, 
wenn die Feudale'n herrschen, als wenn die Ziegelarbeiter mit 
mir intim tun . . . Da, hören Sie! Ja, die Küchen, das klappert 
durch Eisenwände. Wie diese Bande frisst! Natürlich, je grösser 
der Lump, desto flotter wächst der Wanst. Und zu diesem Ge 
sindel muss man seine Notdurft tragen. Grässlich. Aber sagen 
Sie selbst, was soll man tun? Tja, man macht eben Kompro 
misse. Wer weiss das nicht? Bon. Man soll sein Tun parallel 
mit seinem Denken verlaufen lassen, sonst ist man überhaupt 
ein Missvergnügter. Mais, monsieur, das geht nur, wenn . . . 
comme si comme 5a, vous comprenez. Aber man könnte vielleicht 
doch das Kompromisse-Machen auf die Beziehungen beschränken, 
von denen die Selbsterhaltung abhängt. Apropos Selbst 
erhaltung. Sie gehen doch mit zu Herrn Brecher. Von Haus 
freunden Eingeführte stets willkommen. Und dann, man frisst 
und weiter nichts. Es ist mir auch persönlich angenehmer. 
Man ist doch nicht so Insel. Ich mache Sie übrigens aufmerksam : 
Sie werden was erleben. Kennen Sie jüdische Familien? Ist 
übrigens gleichgültig. Diese Familie ist für jeden Unfall exemp 
larisch. Tatsache, man sollte es doch wirklich nicht glauben: 
dafür dass ein Mann sein Leben lang eine einzige Frau hat, die 
vielleicht, na zehn Jahre jung bleibt, opfert er seine Unabhän 
gigkeit und wird zum schuftenden Sklaven. Warum kauft der 
Edle sich nicht wöchentlich ein kleines Fräulein, wenn ihm schon 
die sonstigen Gelegenheiten nicht einbringen, was andere der 
Gefahr abjagen. Es wäre in jeder Hinsicht vorteilhafter und 
sogar anständiger. Und dann, das Ergebnis der Ehe muss ja 
eine Pfütze sein. Man bedenke, haha, ha . . . Ich kannte eine 
Dame, die mich mit ihrem Gatten betrog, als sie ein Dritter 
besass. Lieblich, was? Tja, da lob ich mir die Mohnenstamm. 
Sie kennen sie doch sicher. Also allen Ernstes: alle Achtung 
vor diesem Betrieb. Und echt, echt, ich sage Ihnen, wenn die 
besoffen ist, ist sie immer im Zweifel, wo ihre Beine aufhören
	        

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