Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (7)

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Luft so leicht. Niedrige Leidenschaften, wie Hass und Sinnen 
lust, däuchten mich fern wie die Wolken, welche tief unter mir 
dahinzogen. Und meine Seele fühlte sich so weit und rein wie 
die Wölbung des Himmels hoch über mir. Die Erinnerung 
an Irdisches war nur schwach und unbestimmt in mir wie das 
Glockengeläut unsichtbarer Rinder, die fern, ganz fern auf den 
Hängen eines andern Berges zogen. Den kleinen unbeweglichen 
See liess seine unermessliche Tiefe schwarz erscheinen. Hie 
und da trieb über ihn der Schatten einer Wolke hin gleich dem 
des Mantels eines Luftries.en, der durch den Himmel fliegt. 
Diese feierliche und seltsame Stimmung hatte ihren Grund in 
einer ganz grossen, ganz geräuschlosen Bewegung, dessen er 
innere ich mich, und erfüllte mich mit einer Freude, die nicht 
frei vor Furcht war. Die mich überwältigende Herrlichkeit, 
welche um mich ausgebreitet war, bewirkte in mir einen voll 
kommenen Frieden mit mir selbst und mit der Welt. Ich glaube 
sogar, dass ich in meinem restlosen Wohlbehagen und im gänz 
lichen Vergessen aller irdischen Niederträchtigkeit dahin gelangt 
war, die Behauptung, der Mensch sei von Geburt gut, nicht 
mehr lächerlich zu finden. Doch da tat der Körper seine unab 
wendbare Forderung, die der lange Aufstieg beschleunigt hatte, 
und ich musste der Ruhe pflegen und den Hunger stillen. Ich 
zog ein grosses Stück Brot aus der Tasche, einen Lederbecher 
und ein kleines Elixier, wie es zu jener Zeit die Apotheker an 
Wanderer verkauften. Die mischten es bei Gelegenheit mit 
Schneewasser. 
Still zerschnitt ich mein Brot, als ein leises Geräusch mich 
veranlasste aufzublicken. Vor mir stand ein zerlumptes, zer 
zaustes, kleines schwarzes Wesen, dessen tiefliegende Augen, 
die ängstlich und wie flehend blickten, das Stück Brot ver 
schlangen. Mit tiefer und heiserer Stimme hörte ich es das 
Wort „Kuchen" seufzen. Ich musste über die Bezeichnung, mit 
der es mein fast weisses Brot beehrte, lachen, schnitt ein grosses 
Stück ab und hielt es ihm hin. Langsam näherte es sich, ohne 
den Gegenstand seiner Begehrlichkeit aus den Augen zu lassen. 
Dann ergriff es das Stück und wich schnell zurück, als fürchtete 
es, meine Gabe könnte nicht aufrichtig sein oder ich könnte sie 
schon bereuen. In diesem Augenblick aber rannte es ein 
anderer kleiner Wilder zu Boden, der irgendwoher gekommen 
war und ihm so vollständig glich, dass ich ihn für den Zwillings 
bruder hätte halten können. Die beiden wälzten sich mitsamm 
auf den Boden, um die kostbare Beute raufend. Keiner wollte 
dem andern die Hälfte überlassen. Empört packte der erste den 
zweiten bei den Haaren. Dieser biss jenen ins Ohr und spie 
mit einem Fluch ein blutiges Stückchen von sich. Der recht 
mässige Eigentümer des Kuchens versuchte seine kleinen Krallen
	        
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