Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (7)

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und so war auch diese fromme nur ein Ersatz für jenen, der es 
nicht mehr sagen konnte, und für die Apostel, deren Wort zu 
schwach war. Doch während die griechische im Anfang auf ein 
Nacherleben traf, blieb vor dieser neuen der Zuhörer, der es 
nicht hätte sein dürfen, wäre es anders gewesen, zutiefst unbe 
rührt. Jene wurde zur Komödie; diese war es von Anfang an. 
Was ihr bis in diese Tage hinauf folgte, musste Komödie 
bleiben und war es auch dann, wenn es so hiess. Es ist einer 
der seltsamsten Mängel, dass Männer, denen ihr Werk die Welt 
bedeutete, die Bretter diese Welt bedeuten lassen konnten ; dass 
ihnen das Drama, das ihr Schicksal war, nicht Grauen erregte, 
wenn es gespielt wurde. Der griechische Akteur, der auf dem 
Kothurn einherstelzte, eine Gesichtsmaske trug und durch einen 
kleinen Trichter sprach, war ein sprechendes Buch und der Chor 
ein Teil der Zuhörer, die ohne diese laute eigene Stimme nur 
Zuschauer geblieben wären. Der Schauspieler von heute, den 
schon sein Name verrät, gibt vor, auf der Bühne zu erleben, was 
er niemals so zu erleben vermag, wie er es erleben müsste, um 
nicht bloss Spieler zu sein. Ihn rechtfertigen zu können, müsste 
der Dichter sein Drama auf der Bühne vorerleben können. Aber 
auch er könnte da sein eigenes Erleben nur spielen und es ist 
rudimentäre Einsicht, dass er es so selten tut, und fast stets ein 
Beweis gegen sein Drama, wenn er es tut. Denn als er sein erstes 
Gedicht dem Freunde vorlas, errötete er und sprach es vielleicht 
gar nicht zu Ende, so verlogen däuchte er sich. Hier hatte das 
junge Bewusstsein die Einmaligkeit allen Erlebens erlebt, seine 
Undurchdringbarkeit, die jede Vollkommenheit verhindert, und 
jenes Wort, welches darum das Zweimalsagen verdammt. Und 
es bedurfte der ganzen Kraft des Erlebens, das hinterher in seine 
grösste Bewusstheit will, um nicht die Gestaltung an ihrer un 
vermeidbaren Unvollkommenheit scheitern zu lassen. Nur weil 
das Erleben und seine Gestaltung im Tiefsten eins sind, jenes 
halb ohne diese, diese die Vollendung jenes, ist diese überhaupt 
möglich und moralisch. Aber mit ihr ist das Erleben zu Ende 
und nurmehr für andere, die seine Gestaltung als die Vollendung 
ihres eigenen Erlebens, welche ihnen anders niemals zuteil ge 
worden wäre, zu erleben vermögen, kann es, wenngleich selbst 
unvollkommen, den Wert der grösseren Vollkommenheit haben. 
Sein Träger Hess es in neuem Erleben hinter sich und der 
Widerstand, der vor der alten Gestaltung nie ganz schwindet, 
beweist nichts gegen diese, aber alles für ihren Schöpfer, der 
nicht mehr wahrhaft sich zurückzuerleben vermag und in seinen 
Memoiren dort, wo sie am menschlichsten sind, das Wenigste 
vollendet. Darum kann er sein Drama nur spielen, und dass er 
nachher von anderen es spielen lassen kann, bleibt seltsam. 
Denn er müsste nun doch wissen, dass jener Wert, der das Er
	        
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