Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (7)

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leben des Zuhörers ist, durch das Spiel, das dieses Erleben 
überdies fälschlich vorwegnimmt, aufgehoben wird, dass er nur 
wirken könnte, wenn dem Zuhörer alles überlassen bliebe, und 
dass das Theater ein schlechter Ersatz für das Buch ist. Denn 
die, welche zu lesen wissen, haben dort nichts zu vollenden, 
und die, welche ins Theater gehen, um überhaupt etwas zu er 
leben, vollenden etwas ganz anderes. 
Nicht mehr das Bedürfnis, zu sich zu kommen, treibt sie 
ins Theater, sondern das, sich zu fliehen. Und wie da, wo es 
um Inneres geht, Ursache und Wirkung oft verwechselt werden, 
so war auch hier der Schauspieler nicht die Ursache seines 
Publikums, sondern dessen Wirkung. Nachdem es sein Schicksal 
geworden war, seinen Kampf nicht mehr zu kennen, liess es ihn 
sich Vorspielen. Mit diesem Fall von jenem Gipfel, auf dem es 
vergeblich in sich zurückgewiesen ward, hielt es jedoch seine 
Höhe. Denn liier kam es noch vor das Drama, welches dem, 
der es schrieb, Erlebnis gewesen war und zu keiner Vollendung 
hätte werden können, auch wenn es nicht gespielt worden wäre. 
Das Erlebnis solchen Spiels war lediglich die Schauspielerei, die 
von der Bühne mitgenommen wurde und einige Tage hindurch 
den fehlenden Kampf erfolgreich bekämpfte. Dieser Kampf 
wurde einem zum Drama und er nannte ihn Komödie. Sie war 
das Drama der Schauspielerei. Da es aber wieder gespielt 
wurde, wurde alles Schauspielerei und Schauspielerei alles. In 
diesem Zustand der Entwicklung, die immer den Niedergang 
bedeutet, war man auf der Flucht vor sich selbst am Ziel. 
Während aber an jenem andern nur keine Unruhe zu finden ist, 
gewährt dieses niemals diese Ruhe. Und so begann ein aber 
witziges Kreisrennen, in dessen Mitte der grosse Götze stand: 
das Schau-Spiel. Zirkus und Variete, Kabarett und Tingel-Tangel 
waren seine Altäre und obenan das Theater. Alles, was jemals 
aus dem Geist geboren ward, wurde dem Schau-Spiel geopfert 
und der Schauspieler, der bis dahin doch wenigstens ein Idol 
gewesen war, abgesetzt. An seine Stelle trat die Komparserie, 
die Massenszene, die Technik und was ehedem immerhin mensch 
licher Selbstbetrug war, wurde nun schändlicher Frevel. Shakes 
peare wurde zum Ballett unter echten Bäumen und das,, Mirakel", 
das ein konjunkturkundiger Salonjobber verfertigte, in die Manege ge 
schleppt, um mit einer heiligen Handlung, einem neuartigen Spielort, 
Battaillonen von Statisten, Glockenläuten, Zirkusgeruch, rauschen 
den Draperien, Doppelreflektoren und Weihrauch ein Schau-Spiel 
zu bieten, das niemals noch seinesgleichen hatte. Von hier aus 
war nur noch ein Schritt zum Verzicht auf das Wort, auf das 
man längst verzichtet hatte. Aber auch er war schon getan. 
Der Kino, dieser Triumph des Schau-Spiels, war bereits in den 
Varietes und in den Vorstädten und wurde nun ein Kammer
	        
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