Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (7)

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lichtspielhaus. Doch neben der Schaulust, die er bis über jene 
Grenzen hinaus befriedigte, wo sie nach Blut und letzten Gräueln 
gierig ist, lieferte er ein Spiel, das nicht mehr den Schein eines 
Lebens, das nur vorgetäuscht wurde, erwecken wollte, sondern 
den, der das Leben nicht einmal mehr war, projizierte. Und wie 
stets, wenn das Gegensätzliche am weitesten auseinander tritt, 
es einander wieder näher kommt, so wurde der Kino, indem er 
stumm blieb, für jene Allzuwenigen, denen wieder alles über 
lassen blieb, zum Bilderbuch. Wohin aber war das Leben ent 
flohen? Wohin eine Menschheit, die nach dem Wort das Leben 
verloren hatte und, als sie dessen Schein nicht einmal mehr für 
das Leben nahm, selbst diesen? 
Soweit sie Herrn Franz Blei zum Wegweiser sich erkor, 
in die Sternheimsche Komödie. Denn von dieser behauptet jener 
Herr, dass sie das Leben nicht mit dem „modernen" Leben ver 
wechsle, sondern diesem auch ein Teil des Lebens gebe, es 
ganz nur als dessen Schein und Zweck sehe. Müsste nicht an 
genommen werden, dass Herr Sternheim diese Interpretation vor 
ihrer Veröffentlichung richtig geheissen hat, so könnte eine 
heftig berichtigende Verwahrung erwartet werden. Denn Herr 
Sternheim könnte immerhin das Drama der Schauspielerei, die 
Komödie von gestern, haben schreiben wollen. Da er aber doch 
wohl die von heute hätte geschrieben haben wollen, wäre sie es 
allerdings gleichfalls nicht geworden. Wie nämlich Herr Blei 
mitteilt, hat Herr Sternheim „kurz gesagt, in diesem modernen 
Leben keinen Standpunkt" und definiert das Bürgerlich-Moderne 
bloss. Zu diesem Zweck lässt er, wie Herr Blei weiterhin mit 
teilt, die Personen seiner Komödien nach seinem grammatischen 
Willen sprechen, und ist mit Herrn Blei wohl der Meinung, dass 
„die Sachlichkeit dieses Redens bei faktischer Unwirklichkeit 
des Geredeten dieser Scheinwelt die dichterische Realität gibt.“ 
Daraus geht hervor, dass Herr Sternheim die Komödie von 
gestern, welche das „moderne“ Leben zwar als Schein und 
Zweck des Lebens sah, aber auch so erlebte und gestaltete, 
nicht geschrieben hat. Hätte er sie geschrieben, so hätte er dem 
„modernen“ Leben gegenüber den Standpunkt haben müssen, 
dass es nur der Schein und der Zweck des Lebens sei, und 
hätte es so erlebt und gestaltet. Da er aber, kurz gesagt, 
keinen Standpunkt hatte, das „moderne" Leben bloss definierte, 
es also nicht erleben und gestalten konnte, Hess er die Personen 
seiner Komödien nach seinem grammatischen Willen sprechen 
und gab durch die Sachlichkeit dieses Redens bei faktischer 
Unwirklichkeit des Geredeten dieser Scheinwelt nicht dichterische 
Realität, sondern eine noch nie dagewesene undichterische. 
Deshalb konnte Herr Sternheim auch nicht die Komödie von 
heute schreiben. Hätte er sie geschrieben, so hätte er ihr dich-
	        
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